Thessaloniki – Gediegene Großstadt

Navarrino: Die Straße der Musiker und Schmuckkünstler. Mit Sicht auf die Rotunda

Navarrino: Die Straße der Musiker und Schmuckkünstler. Mit Sicht auf die Rotunda

Die Ruinen eines Palastes in roten und beigen Steinen. Um sie herum Hochhäuser mit Balkonen. Altes und Urbanes. An einem Haus hängt ein Banner auf dem „Oxi“ steht, was „Nein“ heißt. Auf der Straße sind fast nur junge Menschen. Bei rund 95 000 Studenten ist das kein Wunder. Sie telefonieren meistens und halten einen Frappe, das Nationalgetränk, in der Hand. Man kann das Meer riechen und gebratenes Fleisch. Die Tavernen und Bars sind voll. Das sind gewohnte Bilder in Thessaloniki. Eine sprachliche Navigation durch die zweitgrößte Stadt Griechenlands mit etwa 790 000 Einwohnern.

Von Jessica Guaia

 

Der beschriebene Ort heißt Navarrino und ist an einer belebten Straße mit Imbissständen, bei denen man 45-Zentimeter Hot-Dogs und Gyros kaufen kann. Der anders als in Deutschland mit Speck, Pommes und Ketchup gegessen wird. Von weitem sieht man den 15 Meter hohen und etwa 30 Meter breiten Torbogen des Galerius. Läuft man hinauf und überquert die Straße „Egnatia“, dem Hauptverkehrsweg zwischen dem alten Rom und Byzanz, sieht man Reliefen mit abgebildeten Kampfszenen. Die Menschen beachten das etwa 1700 Jahre alte Symbol des Gewinns (die erfolgreiche Schlacht gegen die Perser) nicht. Darum herum sind wieder hohe Gebäude mit Marquisen und Antennen. Und das Rumoren der Roller. Folgt man der Straße aufwärts, bekreuzigen sich Menschen. Dort stehen zwei Kirchen gegenüber, die bekannte ist die christliche Kirche Rotunda. Sie wurde zu Ehren des römischen Kaisers Galerius gebaut, damals aber, wie vermutet wird, als sein Mausoleum. Der Triumphbogen und der Palast gehörten auch ihm. Als Thessaloniki unter türkischer Besatzung stand (Atatürks Geburtshaus ist in der Nähe) bekam der Rundbau ein Minarett. Im Hinterhof findet man kunstvolle Grabplatten aus muslimischer Zeit. Manchmal menschliche Überreste, weil Archäologen nicht alle entfernten.

 

Der Galeriusbogen bei Nacht

Der Galeriusbogen bei Nacht

Zwischen Backgammon, Designer-Liegebänke und Popmusik

Direkt vor der Kirche ist die Turnschuhmeile. Indische Händler präsentieren auf Laken symmetrisch aufgereihte Turnschuhe. Im Süden wird es kalt. Aber ab März bis Oktober sind die Temperaturen mild bis hoch. Die Menschen spazieren dann vermehrt an der Promenade, wo der weiße Turm, das Wahrzeichen der Stadt, steht. Dort kommt man hin, wenn man die Straße zurück läuft. Der Turm ähnelt einer überdimensionalen Schachfigur. Wegen der Krise hängt dort ein Schild, auf dem „zu verkaufen“ steht. Die Bäume verloren ihre Blütenstände, die an hellen Broccoli erinnern. Leute entspannen an warmen Tagen auf weißem Marmor und schauen auf den Hafen. Am anderen Ende der Promenade machen die Menschen das auf rotem Holz und auf Designer-Liegebänken. Einige fischen, obwohl es verboten ist, mit nicht mehr als einer Plastikschnur, an dem sie einen Haken befestigt haben. Drei Schiffe, die als Bars dienen, haben angelegt. Alle halbe Stunde machen sie eine Rundfahrt. Die Promenade ist mit Bars überhäuft und die Bars mit Menschen. „Das ist unsere Mentalität“, sagt ein Grieche, „alles Geld wird für Getränke ausgegeben, selbst in dieser schweren Zeit“. Dass man alles Geld ausgibt, kann man sich vorstellen, bei einem Preis von fünf Euro pro Kaffee. Deshalb trinkt man wenig. In den Nicht-Szenebars spielt jung und alt Backgammon. Die Soldaten vor Troja vertrieben sich auch damals schon die Zeit damit. Wenn es kalt ist, stehen draußen Heizpilze. Die Musik, vorrangig amerikanische und griechische Popmusik, ist immer laut. Auch am frühen Mittag.

 

Biegt man nach mehr als der Hälfte der Promenade nach rechts ab, kommt man zum Aristoteles-Platz, wo eine Skulptur vom Namensgeber mit drappiertem Gewand und Schriftrollen steht. Der Platz ist wandelfähig. Mal kann man dort Eislaufen, sich mit Tauben oder Weihnachtsbaum fotografieren lassen, Folkloretänze und Breakdance ansehen, Beruhigunsstrategien lernen oder Karussel fahren. Letzens wurde er zum Fußballfeld mit echtem Rasen. Außerdem liegt er auf der Route der Demonstranten und Schnäppchenjäger. Der Platz ist halbkreisförmig umbaut, das liegt am Kino und den Hotels, die gebogen sind. Dadurch sieht der Grundriss, zusammen mit der angrenzenden Straße, wie eine Flasche aus. Eine eisgefrorene Flasche, weil alles weiß ist. „Absolut Vodka“ nutzte das mit einem Werbefoto von einer Luftanahme und dem Spruch: „Absolut Thessaloniki.“ für sich. Natülich trinken Griechen lieber Ouzo in eigens dafür vorgesehenen Ouzerien. Dazu werden Vorspeisen gereicht. Aber das Schnapsgetränk, das an erster Stelle steht, ist Tsipouro. Weiter oben kann man das in den Tavernen beobachten, in denen täglich Livemusik gespielt wird, meistens auf einer Bouzouki, einem traditionellen Instrument. Zu essen gibt es Kalamari, Bifteki, gebackene Bohnen und Tzatziki.

Katzen auf dem Mosaikboden des römischen Palastes des Kaisers Galerius

Katzen auf dem Mosaikboden des römischen Palastes des Kaisers Galerius

Gaumenfreuden auf dem überdachten Markt

Wer selbst kochen will, kann die Zutaten in den Markthallen gegenüber holen, die täglich geöffnet sind. Es lohnt sich auch nur als Beobachter. Man kann Honig und Oliven probieren, den Marktschreiern zuhören. Man sieht Anzüge und Brautkleider für Kinder, opulent bestickte Tischtücher und Bettwäsche, das Handwerk eines echtes Schuhmachers, Blumen und Heiligenbilder in Gold. Morbider ist es in der Fleischabteilung, in der Hasen mit Fellpfoten in der Luft baumeln und Schweineköpfe in der Vitrine sind. Fisch und Meeresfrüchte werden nebenan auf Eis präsentiert. Die Fischer und Fischverkäufer verschenken gerne gigantische Muschelgehäuse oder Seepferdchen, wenn sie ihnen aus Versehen ins Netz gegangen sind. Von dort aus kommt man schnell ins Viertel Ladadika, in dem es gutes Essen und Trinken gibt. Traditionell und authentisch, wie auch im anderen Viertel, mit Trommeln und Gesang. Dort findet man aber auch Nachtclubs und Rockerbars, in denen man Mythen trinken kann. Ein griechisches Bier heißt „Mythos“.

Die griechische Vergangenheit ist Thessaloniki allgegenwärtig. Was man auch an der Altstadt sieht, zu der man kommt, wenn man an der alten Stadtmauer entlangläuft oder den Weg durch verwinkelte, steile Gassen wählt. Die Stadt hat praktisch unter dessen Beton ihre Wurzeln, ihre Antike. So kommt es, dass sogar wenn man es nicht erwartet, zum Beispiel in einer Unterführung, eine Ausgrabungstätte sieht. Wie auch in Athen, aber Thessaloniki hat wegen des Hafens ein anderes Flair. Zudem ist es ruhiger und überschaulicher als in der Hauptstadt. Die Sehenswürdigkeiten sind ein schöner Nebeneffekt, aber dorthin reist man wegen des heutigen griechischen Lebens. Thessaloniki ist eine Stadt, zu der man schnell eine Beziehung aufbaut.

Mit dem Flugzeug erreicht man Thessaloniki in zwei bis drei Stunden. Es gibt zahlreiche Fluglinien, die Thessaloniki anfliegen. Wer ein Abenteuer sucht, kann auch den Bus nehmen und ist drei Tage unterwegs.