Tunesien: Erst Diktatur, dann Revolution und was dann?

Von Dihia Wegmann

So, what’s next? Nach 24 Jahren Diktatur soll nun in Tunesien ein anderer Wind wehen. Die Tunesier_innen haben genug von Zensur, Kontrolle und Unterdrückung. Touness Horria! Freiheit für Tunesien!
Ich werde neugierig als ich höre, daß sich zwei Jungregisseure fast zeitgleich mit dem arabischen Frühling auf eine ebenso spannende Reise begeben: Hello democracy – people in times of change heißt ihr Debüt-Dokumentarfilm, der im Laufe des Jahres 2012 erscheinen soll und noch auf finanzielle Unterstützer angewiesen sind.

Wie alles begann
Heikel Ben Bouzid Eltern haben vor Jahren ihr Herkunftsland Tunesien verlassen und leben seitdem in Deutschland. Von hier aus verfolgt Familie Ben Bouzid, ähnlich wie viele andere die bewegenden Ereignisse in Tunesien. Für Heikel ist es bereits 10 Jahre her, als  er das letzte Mal in Tunesien war. „Ich habe die Willkür bei jedem Besuch miterlebt. Ich habe mir dann gesagt, ich will dieses Regime nicht unterstützen. Also fahre ich nicht mehr hin.“, erzählt Heikel. Im Januar 2011 erhält Heikel einen Anruf von seinem Bruder: „Schau dir die Berichterstattung aus Tunis an, da geht’s grad los! Da hat sich jemand verbrannt. Jetzt gehen die Menschen auf die Straße!“ Heikel erzählt seinem Freund Jörg von den aktuellen Geschehnissen. Jörg Oschmann ahnte was gerade im Stande war zu passieren: „Da müssen wir hin’ meinte Jörg damals. Wir müssen dahin und einen Film über die Menschen in der Revolution drehen.’“ Die Idee für das Filmprojekt „Hello Democracy“ war geboren.

 

Die Macher der Doku: (v.l.) Martin Maier (Produzent), Jörg Oschmann (Buch, Regie), Heikel Ben Bouzid (Buch,Regie), Lukas Gnaiger (Kamera), Mehdi Dahmen (Produktionsassistent Tunesien)

Die Macher der Doku: (v.l.) Martin Maier (Produzent), Jörg Oschmann (Buch, Regie), Heikel Ben Bouzid (Buch,Regie), Lukas Gnaiger (Kamera), Mehdi Dahmen (Produktionsassistent Tunesien)

Let’s throw some words and make it clear
Für das Gespräch mit Heikel Ben Bouzid und Jörg Oschmann treffe ich mich mit ihnen in Wien und beginne ihnen Begriffe entgegenzuwerfen.
„Was fällt euch bei dem Begriff  ‘Macht’ ein“, möchte ich wissen. „Macht war allgegenwärtig während unseres Drehs. Die Mächte bewegten sich um unsere Protagonisten. Mächte, gegen die sie vorher als Volk angekämpft haben, vor denen sie aber nach wie vor Angst haben.“ erinnert sich Jörg. Erst wenn eine Person spürt, daß ihr Leben und das seiner bzw. ihrer Familie in Gefahr ist , dann schöpfen Menschen anscheinend die Kraft zu sagen: „Hélas! Genug ist genug.“.And that’s where it becomes interesting and revolutionary.
„Revolution“ – ein großes Wort! „Vielleicht mag es Menschen geben, die sagen ’In Tunesien war das gar keine richtige Revolution, Ben Ali ist ja sofort abgehauen’. Solche Statements haben wir von einigen Menschen gehört.“ erinnert sich Heikel und fügt hinzu: „In Tunesien wurde ein altes Regime gestürzt, ein alter Diktator vertrieben, aber es hat sich niemand Neues an die Macht gesetzt. Also gab es in diesem Sinne keine Revolution, es gab auch keinen Revolutionsführer, der dann alles übernommen hat. Es war halt irgendwie eine Volksbewegung!“ So nennen es jedenfalls die Menschen, mit denen Jörg und Heikel vor Ort Kontakt hatten. „Eine Volksbewegung“ – klingt kraftvoll und motivierend.
Wir jonglieren noch mit einem weiteren Begriff. „Was fällt euch zum Wort ‚Westen’ ein?“ Beide fangen an zu lachen. Spätestens jetzt ist das Eis zwischen uns gebrochen, die zwei legen los: „Hör mir auch mit dem ‚Westen’“ scherzt Jörg, „ich bin ja aus dem ‚Osten’.“ Heikel führt fort: „’Westen’, das ist so ein Synonym was heute so instrumentalisiert ist. Da hat man’s geschafft heute mit ‚Westen’ den Begriff ‚Freiheit’ gleich zu setzen.“

 

Soukaina & Beshir : zwei Generationen in einer Zeit des Aufbruchs
„Unsere Protagonistin Soukaina war Bloggerin der ersten Stunde. Als die Revolution sich durch zarte Hinweise abzeichnete hielt sie diese Momente schon virtuell auf ihrer Facebook Seite fest“, so Heikel. „Dadurch konnten Informationen weiter gegeben werden, die sonst nicht unzensiert an die Öffentlichkeit gekommen wären.“ erklärt Heikel. Die 29-Jährige Soukaina kann ein Lied von Tunesiens Willkür singen: zur Beendigung ihres Masters wurde dieser ihr nicht anerkannt, da sie ein Kopftuch trug. Soukaina war gezwungen sich in einen neuen Masterstudiengang einzuschreiben.
Wer sich Soukainas Facebook Profil anschaut sieht, dass sie fleißig weiter postet. „Die neue Generation Tunesier unterscheidet sich von uns gar nicht. Die ist Internetaffin, kennt sich im Word Wide Web wahrscheinlich besser aus als Jörg und ich.“, schmunzelt Heikel. Die junge Generation steht genauso auf Trends, kleidet sich nach dem neusten Schrei und aktualisiert ihren Facebook Status mindestens genauso oft wie wir. „Der älteren Generation merkt man viel eher an, dass sie unter einer Diktatur gelebt haben. Die sind eher etwas zurückgezogen, das kenne ich von der in Ostdeutschland aufgewachsenen älteren Generation auch noch.“ berichtet Jörg. Der Generationsunterschied wird deutlich: Soukaina, voller Hoffnung für all das was jetzt auf Tunesien zukommt und Beshir, der sich noch an Ben Alis Machtergreifung erinnern kann und dem Ganzen nun skeptisch gegenüber steht. Der dreifache Vater arbeitet als Tagelöhner in einem Caféhaus der Arbeiterklasse. Hier kreisen die Sorgen eher darum, wie Familien versorgt werden können und nicht darüber wie aktiv an der Situation des Landes mitgestaltet werden kann.

 

Demonstrantin in Tunis (c) Heikel Ben Bouzid

Let’s keep in touch  or keep me posted
Wir gehen in unserem Gespräch einige Monate zurück. Es geht um das Kontakthalten zur Familie im Herkunftsland, während dort einiges im Umbruch ist. Heikel erinnert sich, dass er oft versucht habe in Tunis bei seiner Familie anzurufen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. „Die Nachbarschaften haben Patrouillen gebildet und so gegenseitig aufeinander aufgepasst. Dadurch mussten die Menschen nicht jede Minute in Angst leben, sondern haben sich der Situation entsprechend gut organisiert.“

 

 

 

 

Die Freiheit der Frauen ist in Gefahr?!
Seit 1956 ist in Tunesien die Frau dem Mann gesetzlich gleich gestellt. Trotzdem blüt die westliche Medienlandschaft von Berichten über die unterdrückte tunesische Frau. Heikel wundert sich: „Ich habe die Frauen in Tunesien immer als aktiven Teil der Gesellschaft miterlebt. Im Alltag als Polizistin, Anwältin usw. Seit dem ich Kind bin kenne ich Frauen beim Militär und in hohen Positionen. Und nur um beim Bespiel Militär zu bleiben, wie lange dürfen denn Frauen in Deutschland zur Bundeswehr?!“ „Es kommt mir vor,  dass europäische Politiker behaupten, ’der Diktator – den wir zwar immer unterstützt haben, haben die Tunesier jetzt gestürzt. Jetzt etablieren die ein neues System mit einer neuen Partei, die uns aber nicht gefällt, weil sie traditionelle, religiöse Werte hat’. Natürlich wird dann die Angst geschürt, dass wir alle, besonders die Frauen, in Gefahr durch Islamisten sind.“ stellt Heikel fest.
Teil des Projekts werden
Wer die beiden Filmemacher bei der Fertigstellung ihrer Dokumentation unterstützen möchte kann das auf folgenden Wege tun:

Am besten Website checken www.hellodemocracy-docfilm.com, auf Facebook in die Gruppe eintreten oder finanzielle Spritze verpassen. Für Unterstützungen gibt’s sogar ein Dankeschön: Schon bei einer Spende von z.B nur 10 Euro werdet ihr im Filmabspann unter „Mit freundlicher Unterstützung von…“ genannt.

Es gibt aber auch T-Shirts und DVD als Dankeschön…je nach Höhe der Spende. Einfach gewünschten Betrag auf das Spendenkonto überweisen und Zustelladresse angeben. Die Geschenke werden nach Fertigstellung des Projektes verschickt:

Bank: Bankdirekt
Kontobezeichung: HelloDemocracy
Bankleitzahl: 34796
Kontonummer: 200-04.157.780
IBAN: AT273479620004157780
BIC: RZOOAT2L796