Hautaufhellung: Ein Trend zwischen Schönheitswahn und Existenzängsten

Screenshot vom Werbeclib Emami Skin Bleaching Cream mit Shah Rukh Khan

Screenshot vom Werbeclib 'Emami Skin Bleaching Cream' mit Shah Rukh Khan

Man sollte meinen, Menschen werden ausgeschlossen und abgegrenzt, weil sie anders als man selbst oder die breite Masse sind. Unterschiede im Status, der Religion und Hautfarbe führen oft zu Konflikten. In einem Fernsehspot mobbt aber Bollywood-Liebling Shah Rukh Khan seinen Landsmann singend wegen seiner dunklen Haut. Er empfiehlt ihm eine Bleachingcreme. In Indien verwenden 60 Millionen Menschen Whiteningprodukte in Form von Lotionen, Seife und Peelings. In Asien und Amerika finden sie ebenfalls großen Anklang. In Asien ist der Puppenteint „in“ und in den USA möchte man eher die Hautfarbe von Rihanna, als die von Wesley Snipes. Auch das Interesse im Mittleren Osten wächst. Eine Überlegung zum Thema Hautaufhellung von Jessica Guaia.

Für viele Europäer hört es sich absurd an, hell sein zu wollen. Die meisten liegen in der Sonne oder im Solarium, mit dem Ziel urlaubsverwöhnt und braun auszusehen. Sie mobben ebenfalls, aber mit den Worten „Bist du käsig“. Eigentlich ist braun sein auch nur eine Mode. Vor 90 Jahren kehrte Coco Chanel gebräunt aus ihrem Urlaub zurück und setzte damit erstmals diesen Trend.

 

Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Woher kommt der Trend der Hautaufhellung in den erwähnten Regionen? Es ist derselbe Grund, wie in europäischen Ländern vor 1920. Helle Haut stand für Adel, Geld und Anmut, deshalb auch der Ausdruck „noble Blässe“ oder „blaublütig“, weil die Venen durch die weiße Haut schienen. Die gebräunten Menschen arbeiteten auf dem Feld und waren der Sonne ausgesetzt. In Indien und Asien kann man sehen, dass Reiche eine hellere Haut haben als Arme. Außerdem werden indische Gottheiten größtenteils mit heller Hautfarbe dargestellt und Indiens Herrscher waren immer weiß. Bleichen nun Inder, egal ob männlich oder weiblich, ihre Haut, haben sie gar bessere Chancen auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt. Aber nicht ohne dabei einen gewissen Preis zu zahlen.

Abgesehen vom finanziellen Preis, der für viele schon ein großes Opfer darstellt, gibt es beim Bleichen Gefahren. Viele Produkte enthalten die hochgiftigen Chemikalien Quecksilber und Kortison. Sie führen zum gewünschten Aussehen – übrigens ist der Effekt verschwunden, sobald man sich wieder in die Sonne begibt. Die Wirkstoffe rufen aber auch Hautirritationen und dauerhafte Pigmentstörungen hervor. Im Extremfall verursachen sie schwere körperliche Schäden, wie Nierenschädigungen. Wer sich hierzulande nicht mit seiner Haut wohl fühlt und darüber nachdenkt etwas zu unternehmen, sollte das wissen. Denn die meisten Produkte bestellt man sich im Ausland. Es gibt kaum Produkte auf dem deutschen Markt. Der deutsche Hersteller Beiersdorf verdient zwar im Ausland mit Bleichcremes, vertrieben werden sie hierzulande nicht. Der Markt beschränkt sich hier meistens auf die Gothikszene und Menschen mit Hautproblemen. Deshalb gibt es in Deutschland nur Produkte, die für die großflächige Benutzung nicht gedacht sind. Eher für den Bereich der Sommersprossen und dunkler Flecken.

 

 

Die Nachfrage regiert den Markt

Am liebsten möchte man den Frauen, die das vorhaben, raten: „Ihr seid schön. Schön, wie ihr seid“. Gekontert wird von ihnen:„Weiße verändern ihren Teint auch und es ist ungesund“. Tatsächlich wird es als schlimmer angesehen, sich die Haut zu bräunen als zu bleichen. Michael Jacksons Aufhellung, auch wenn man nicht weiß ob sie krankheitsbedingt ist, lehnten zum Beispiele viele ab. Warum ist man also kritischer gegenüber Hautaufhellung als Bräunung? Erstens: die Sonne steht für etwas natürliches, was man von Bleichmittel nicht behaupten kann. Zweitens: Wer größere Anstrengungen gegen etwas unternehmt, um etwas zu ändern, wird kritisiert. Besonders wenn es mit gesundheitlichen Risiken zusammenhängt. Beispielsweise Schönheitsoperationen. Wir sind gewohnt, dass jeder das möchte, was er nicht hat. Wer kleine Brüste hat, wünscht sich große und vice versa. Wer Locken hat, greift zum Glätteisen. Und zu guter Letzt, wünscht man sich Vorbilder. Menschen, die Vorurteilen gegen Dunkelhäutige entgegen wirken und zu sich selbst stehen.

Die indische Regierung verbat vor einiger Zeit eine ähnliche Werbung eines anderen Herstellers. Das Produkt ist Marktführer und heißt „Fair and Lovely“ und gehört zum Konzern Unilever, die in Deutschland beispielsweise für ihre DOVE Kampagne für viel positive Reaktionen gesorgt hat, weil sie in der Produktvermarkung die Natürlichkeit und Individualität betont.

Das Wort „fair“ scheint nicht angebracht, heißt aber auf Englisch „hellhäutig“. Im Spot ging es um Eltern, die sich um ihr Schicksal beklagten, ein dunkelhäutiges Kind zu haben, und das Kind dadurch nie eine Arbeitsstelle bekäme. Erst als sie es bleichten, sah die Welt besser aus. Indische Frauen demonstrierten dagegen. Sie fühlten sich gedemütigt. Nicht nur indische Frauen.

Die Whitening-Industrie hat trotzdem nichts zu befürchten: Auf den Vorwurf des Rassismus antworteten sie nüchtern: „Es ist genug Nachfrage da und wir reagieren darauf“. Die indische Nachfrage in Geld ausgedrückt also: 200 Millionen Dollar pro Jahr.