Sprechen auch Sie gut Deutsch?!

Lena Gorelik (c)Markus Gruber

Lena Gorelik (c)Markus Gruber

Lena Gorelik ist 1981 in Sankt Petersburg geboren. Sie kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Baden-Württemberg, wo sie aufwuchs. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolvierte sie den Elitestudiengang Osteuropastudien. 2004 veröffentlichte sie ihren umjubelten Debütroman „Meine weißen Nächte“, weitere Romane folgten. Zuletzt erschien das Buch für ihren neugeborenen Sohn „Lieber Mischa“. Nun ist ihr neues Buch “Sie sprechen aber gut Deutsch!” erschienen.

Seit Ende Februar gibt es nun dein neues Buch “Sie können aber gut Deutsch!”. Eine Feststellung, die Menschen mit dem allseits beliebten Migrationshintergrund, oft zu hören bekommen. Wie kam es zu der Idee des Buches?
Ich habe schon sehr lange mit der Idee gespielt, ein Buch zum unleidigen Thema Migration zu schreiben. Meist dann, wenn ich mit Fragen und Aussagen à la “Sie können aber gut Deutsch!” konfrontiert wurde. Die Debatte, die nach dem Erscheinen des Werkes von Thilo Sarrazin geführt wurde, hat diesen Wunsch natürlich beflügelt, aber auch die Richtung des Buches geändert.

Dein Buch ist aus der Verlagsgruppe Random House, wo auch “Deutschland schafft sich ab” erschienen ist. Hat ebenfalls ein rotes Cover und beschäftigt sich mit dem Jahrhundertthema Integration, doch der Hype, den wir via Schlagzeilen in den Medien pünktlich zum Erscheinen des Buches erleben durften fehlt irgendwie. Wie erklärst Du dir das?
Die Welt ist zynisch und pessimistisch sehend würde ich sagen: Vielleicht, weil ich nicht gegen bestimmte Zuwanderergruppen hetze und damit vielen Stammtischen (wie auch dem Bildungsbürgertum) die Möglichkeit gebe, dies “auch endlich mal” zu tun? Vielleicht ist aber auch das Interesse an diesem Thema vergangen. Ich finde es schade – mich hat der Hype um Thilo Sarrazin erschüttert, ich war auf der Suche nach Menschen, die ähnlich denken wie ich. Ich hätte mir gewünscht, dass es viele solche Menschen gibt – und dass sie mein Buch lesen.

Und wie waren bislang die Reaktionen aus dem Redaktionen. Hat die BILD schon angekündet Scheibchenweise Auszüge aus deinem Buch zu veröffentlichen oder plant DER SPIEGEL womöglich ein Titelthema zu deinem Buch? Polemisch genug ist dein Buch ja.
Bislang haben weder die BILD noch DER SPIEGEL Interesse an dem Buch gezeigt. Jetzt könnte man natürlich wieder nach den Gründen fragen…

In deinem Buch geht es vor allem um das WIR in Deutschland. Dabei schilderst du über Erfahrungen, die Freunde und Bekannte, aber auch du selbst erlebt hast. Ein Beispiel: “(…)Was mich daran erinnerte, wie ich einmal in eine Bücherei zu einer Lesung kam, meinen Namen nannte und erklärte, dass ich heute hier aus meinem Roman lesen sollte, woraufhin der Büchereimitarbeiter sehr langsam und überdeutslich zu mir sagte: Woooo-llen Siiiie Iiiihre Jaaa-cke aaauf-hängeeen? und auf die Gaderobe zeigte, für den Fall, dass ich ihn nicht verstand.” Was löst so etwas in einem aus?
Das Gefühl, dass das Deutschland, das in meinem Kopf – und wohl auch in meinem Bekannten- und Freundeskreis – stattfindet, nichts mit der Realität zu tun hat. Die Frage, ob wir tatsächlich schon so weit sind, wie ich meine, nämlich, dass es normal ist, dass wir, also die mit dem berühmt-berüchtigten Migrationshintergrund, gleichberechtigter und anerkannter Teil dieses Landes sind. Wenn sich solche Erlebnisse häufen, ein ungutes Gefühl.

Das Thema Scham taucht in deinem Buch ebenfalls oft auf. Ein wichtiger Punkt, den viele Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte oft mit sich herumtragen. Wie war das für dich, dies so deutlich zu beschreiben?
Es ist nicht einfach, Scham zuzugeben. Ich bin nicht stolz darauf, mich für meine Herkunft, für das, was mich auch zu einem großen Teil ausmacht, geschämt zu haben. Ich habe auch beschrieben, wie ich mich für meine Eltern geschämt habe, weil ich sie so russisch fand, wohl wissend, dass sie das lesen werden. Es war kein einfacher Prozess, aber ein wichtiger. Wir alle machen Fehler, haben ambivalente Gefühle, wenn es um das Thema Migration geht – und müssen alle bereit sein, diesen zu begegnen, diese zuzugeben, offen darüber zu sprechen. Ist man zu vorsichtig, zu politisch korrekt, ist man nicht ehrlich.

Ein Kapitel beschäftigst sich auch explizit mit den Muslimen. Du schreibst, dass der Begriff “Jude” durch ein neues Hassobjekt ausgetauscht worden ist, nämlich durch die “Muslime”. Einige würden dir da stark widersprechen, aber was macht dich so sicher?
Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass Deutschland heute im Gegensatz zum Dritten Reich nicht versucht, Muslime in ihrer Ganzheit zu vernichten. Nichtsdestotrotz erinnert die derzeitige Diskussion um die muslmische Gemeinschaft an die Diskussionen über Juden und insbesondere ihre Religionsausübung in den 1920er Jahren. Wenn zum Beispiel diskutiert wird, ob muslimische Schülerinnen an einem gemischten Sportunterricht teilnehmen müssen, und ich daran denken muss, wie debattiert wurde, ob jüdische Schüler am Shabbat, dem für religiöse Juden heiligen Samstag, in die Schule gehen müssen. Ich finde es höchst bedenklich und erschreckend, wenn landauf landab verallgemernd von Muslimen die Rede ist, so als sei es eine vollkommen homogene Gruppe. Wennn dieser Gruppe parout unterstellt wird, schlechte Gene zu haben und nur mit Kinderproduktion beschäftigt zu sein. Wenn Ängste um sich greifen wie die, in Deutschland könnte die Scharia eingeführt werden, dann ist es eine Art von pauschaler Ausgrenzung, die nichts mit einer Debatte um konkrete Probleme gemein hat, und in ihrer Pauschalisierung an den Antisemitismus Anfang des Jahrhunderts erinnert.

Vielen Dank für das Interview!

 

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Lena Gorelik
“Sie können aber gut Deutsch!”
Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft
Verlag: Pantheon
240 Seiten, 14,99

 

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