Alte Tradition: Dunkle Schuhcreme und deutsches Theater

Werbeplakat zu "Ich bin nicht Rappaport"

Werbeplakat zu "Ich bin nicht Rappaport"

Von Dihia Wegmann

Anfang Januar bat das Schloßpark Theater Berlin seine Facebook-Fans um Meinungen zu den Werbeplakaten für die Vorführung zu „Ich bin nicht Rappaport“. Im Original aus den 1980er Jahren sind die zwei Rollen des jüdischen Nat und des Schwarzen Midge durch einen Weißen und einen Schwarzen Schauspieler besetzt. Auf dem Plakat des Schloßpark Theaters wird die Rolle des Nat von Dieter Hallervorden besetzt. Die Rolle des Schwarzen Midge wird von Joachim Bliese, der mittels Schminke „schwarz“ angemalt wurde, gespielt.


Die Berliner Studentin der Medien- & Kulturwissenschaften Kristin Lein hatte eigentlich vor, das Theater darauf aufmerksam zu machen, dass die Tatsache, einen weißen Schauspieler schwarz anzumalen, rassistische Züge habe. „Ich bin ehrlich gesagt fast ein bisschen naiv an die Sache rangegangen. Die Reaktion des Theaters auf meine E-Mail und auf den Protest bei Facebook haben mich dann schnell wieder wach werden lassen.“ Auch Philipp Khabo Köpsell, Spoken Word Performer aus Berlin und Autor der „Akte James Knopf“ verfolgte die Umsetzung des Stückes. Er vermutet, dass das Schauspielhaus sich nicht bewusst sei darüber,  in welcher Tradition sie sich befinden, wenn sie ihre weißen Schauspieler in schwarzer Schminke auf die Bühne schicken.“ Philipp Khabo Köpsell Empfinden nach zeigt die Umsetzung des Theaterstückes, dass Schwarze Menschen in Deutschland nicht als Zuschauer_innen und „partizipierendes Publikum“ wahrgenommen werden. Schwarze Menschen scheinen in der „Gedankenwelt weißer Intendanten“ keine Rolle zu spielen. Neben Kristin Lein und Philipp Khabo Köpsell versuchten auch weitere kritische Facebook-User_innen das Schloßpark Theater über ihre Umsetzung aufzuklären. Aber nicht nur auf Facebook wurde diskutiert, sondern auch die Presse im In- und Ausland nahm sich des Eklats an. Die BBC Online News widmeten sich dem Thema am 10. Januar 2012 und hielten fest „Die als blackface gekannte Technik ist vom Schlosspark Theatre in Berlin für seine letzte Produktion ‘Ich bin nicht Rappaport’  verwendet worden. Vorwürfe des Rassismus leugnet und streitet die Theatergruppe vehement ab.“

 

Stereotype Wahrnehmungen
Für Tahir Della, Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Bund) e.V. ist die Kritik an der Umsetzung des Stückes klar: „Die Blackface-Praxis an deutschen Bühnen zeigt zweierlei auf: Zum einen wird ein Stilmittel angewandt, das eindeutig und historisch belegt eine rassistische Tradition hat und zum Zweiten, die damit einhergehende Ausgrenzung schwarzer Schauspieler_innen aus dem Deutschen Theaterleben.“

Diese Praktik, weiße Menschen mittels Farbe als Schwarz erscheinen zu lassen hat ihren Ursprung vor allem, aber nicht nur, in amerikanischen Minstrel-Shows. Die Darstellungen transportierten auf diese Weise eine stereotype Wahrnehmung Schwarzer Menschen und legitimierten auf gewisse Art die unterschiedlichen Stellungen von Weißen und Schwarzen in der Gesellschaft. Eine weiße Person durch z.B. Schuhcreme als Schwarz darzustellen wird „Blackface“ genannt und wissenschaftlich als rassistisch wahrzunehmen.
Die Reaktion des Schloßpark Theaters auf die Kritik konnten viele Menschen nicht nachvollziehen. Eine von ihnen ist ebenfalls Vorstandsmitglied der ISD und Autorin der Novelle „things i think while smiling politely“, Sharon Dodua Otoo. Die gebürtige Britin lebt seit fast sechs Jahren in Berlin und gehörte zu denen, die sich an der Auseinandersetzung mit dem Schloßpark Theater beteiligten. Nach einigen Beiträgen wurden sie und Tahir Della von den Betreiber_innen der Fanseite geblockt. „Der letzte Beitrag, den ich gepostet hatte, war eine Zusammenfassung unser Hauptkritikpunkte. Ich war echt bemüht, mit einigen kreativen Beispielen zu zeigen was genau das Problem für uns war. Und plötzlich darf ich nicht mehr an der Diskussion teilnehmen – aber andere, weniger reflektierte Personen, die ganz offensichtlich beleidigende, sexistische, homophobe sowie rassistische Nachrichten gepostet haben, durften sich völlig ungestört austoben.“

 

Fehlendes Bewusstsein
Auch Tahir Della kritisiert neben der Blackface-Aufführung des Theaters ebenfalls die anschließende Reaktion. Er befürchtet, dass den Verantwortlichen der Schauspielhäuser gar nicht klar sei, dass sie sich seit Beginn der Auseinandersetzungen in zutiefst rassistische Reflexe verstrickt hätten. „Sie verstecken die stattfindende Ausgrenzung hinter vorgeschobenen Argumenten wie z.B. es gäbe im Repertoire für Schwarze Darsteller_innen nicht genügend Rollen oder es gäbe schlichtweg zu wenig Schwarze Schauspieler_innen. In Wahrheit jedoch ist es so, daß sich die Leitungen der deutschen Theater nicht mit den neuen Realitäten auseinandergesetzt haben und es nicht geschafft haben, die zahlreichen Schwarzen Schauspieler_innen zu gewinnen und ihnen die Möglichkeit gegeben haben sich in dem Theaterbetrieb einzuschreiben.“

In diesem Zusammenhang wird die weiße Dominanzkultur und ihr Anspruch auf Definitionsmacht deutlich. Das Schloßpark Theater spiegelt die Denkweise der Mehrheitsgesellschaft wider: Was nicht rassistisch gemeint war, kann auch nicht rassistisch sein. Aus dieser und ähnlichen Reaktionen wird klar:  Rassismus ist vor allem ein Problem der weißen Mehrheitsgesellschaft.
Wenn Sharon Dodua Otoo die Umsetzung des Theaterstückes im internationalen Kontext sieht, wird ihr Unverständnis noch größer. „Ich bin in Großbritannien sozialisiert. Da gilt: “The customer is always right!” Und ich bin immer wieder erstaunt, dass in Deutschland, besonders in Berlin, der Leitsatz eher ‘Der Kunde ist ein Idiot’ zu sein scheint. In London, wären die Plakate auf der Stelle abgehängt worden, man hätte in den großen Zeitungen eine Entschuldigung gedruckt und möglicherweise ein Gespräch mit Vertreter_innen verschiedene Communities gesucht. Doch, wenigstens eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kritik hätte ich erwartet. Ich finde nach wie vor, das Schlosspark Theater hat gehandelt als wären ausschließlich die weißen Theaterinteressierten ihre einzige Zielgruppe“. Auch Philipp Khabo Köpsell ist mehr als enttäuscht von der Reaktion des Schloßpark Theaters auf die geäußerte Kritik: „Sich über die Einwände derer hinwegzusetzen, die mit Hilfe schwarzer Schuhcreme dargestellt werden – mit der Begründung, ihre Kritik wäre unbegründet und subjektiv und sie selbst überempfindlich – ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen. Es ist die einfachste Form Rassismuskritik zu ignorieren. Mich persönlich stört die Lernrenitenz der Verantwortlichen. Allein das Internet bietet bereits genug Essays und Videoclips, die erklären warum Blackface ein unerwünschtes Stilmittel ist und Schwarze Menschen kein Interesse daran haben, auf diese Weise dargestellt zu werden.“

 

Kritik reflektieren
Eine „rassistisch begründete Besetzungspolitik ist Kern der Kritik, nicht nur am Verhalten des Schlossparktheaters, sondern auch anderer Häuser wie dem Deutschen Theater in Berlin“ stellt Tahir Della fest. Nur wie sollte nach einer rassistischen Handlung mit der Kritik daran umgegangen werden? Kristin Lein hätte sich eine „glaubhafte Entschuldigung in Form eines Zusammentreffens mit Vertretern von PoC (People of Color) wie z.B. der ISD und sofortige Abänderung, bzw. Absetzung des Stückes“ gewünscht. Dies sieht Tahir Della ähnlich, für ihn wäre „eine glaubhafte Entschuldigung für den bisherigen Umgang mit den Befindlichkeiten von Menschen mit Rassismuserfahrung“ angebracht gewesen. Für die Musikerin Krawalla hätte die geübte Kritik für einen Lernprozess genützt werden können. Anstatt die Rassismuskritik direkt abzuwehren würde sie sich wünschen: „Erst mal zuzuhören, sich selbst mal kurz zurück nehmen, die Kritik dann reflektieren und überlegen inwiefern das vielleicht stimmt und was man besser machen könnte.“
Nach wie vor ist offen, ob das Schloßpark Theater sich bewusst der rassistische Praktik bedient oder bis heute nicht verstanden hat, was der Kritikpunkt der Menschen war. Beruhigend: Der Blog Bühnenwatch schaut seit den neuesten „blackface“ Skandalen genauer auf deutsche Theaterbühnen.