DVD- Tipp: “Frauenzimmer”

(c) Lighthouse Home Entertainment

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Von Homeira Heidary

Christel (58 Jahre) hat mit 51 Jahren mit der Prostitution begonnen. Nach der Scheidung von ihrem Mann hat die zweifache Mutter sich entschieden diesen Weg zu gehen – auch um ihre bis dahin unbefriedigende Sexualität neu zu erkunden. Sie geht in ihrer neuen Berufung völlig auf und hat neues Selbstbewußtsein gewonnen. Ihre anfängliche Skepsis, ob sie als Dame, die in die Jahre gekommen ist, mit der jungen Konkurrenz mithalten kann, ist vollends verflogen. Dabei ist sie eine ganz „normale“ Großmutter, die gerne Zeit mit ihren Enkelkindern verbringt und auch sonst äußerlich in keiner Weise in diese Branche einzuordnen wäre. Sie sieht ihren Job nicht nur als Geldquelle, sondern auch als Quell des Glücks für die trostlosen Jahre ohne erfüllendes Liebesleben.

Paula (49 Jahre) ist seit 25 Jahren Prostituierte. Angefangen hat sie schon in der ehemaligen DDR, wo ein Freund sie jedesmal nach dem Sex mit 25 DM „belohnte“. Sie hat sich darüber nicht viele Gedanken gemacht, sondern freute sich über die Zuwendung, an der sie sehr viel Spaß hatte. Heute arbeitet sie als Chefin eines fünfköpfigen Bordells. Über Kundenmangel kann sie sich nicht beschweren. Sie hat sich an das schnelle und leichte Geld gewöhnt und liebt es ihr Einkommen mit vollen Händen auszugeben. Ganz so rosarot war ihr Leben allerdings nicht immer. Nach einer mißlungenen Flucht aus der DDR wurde sie festgenommen und sieben Jahre inhaftiert. Während dieser Zeit wurde sie mißbraucht. Ihre Traumata, die sie dort durchlitten hat, verarbeitet sie heute – so sagt sie selber- indem sie täglich einen Horrorfilm schaut. Das sei für sie eine Art Therapie.

Karolina (64 Jahre) ist für ihr Alter außergewöhnlich jung und attraktiv geblieben. Sie arbeitet als Domina und ist mittlerweile so routiniert, dass ihr der Spagat zwischen Arbeit und Alltag grotesk vorkommt. So kommt es ab und zu vor, dass sie während einer Session an die Hausarbeit denkt. Nicht selten denkt sie über ihre Jugendtage und die Erziehung nach, die so gar nicht zu ihrem eigenen Kopf passten. Immer schon wollte sie das Leben in vollen Zügen genießen und selbstbestimmt und mutig sein. Diese Lebensphilosophie hat sie sich auf ihrem Körper verewigen lassen: Ihr Rücken schmückt die Aufschrift: Carpe diem- nutze den Tag. Karolina ist seither so fasziniert vom tätowieren, dass sie selber den Entschluß gefasst hat ein Tatoo-Studio zu betreiben.

Dieser Dokumentarfilm ist einer der wenigen Gelegenheiten sich von Vorurteilen über eine verpönte Branche zu befreien. Dank der erfrischend offenen und selbstverständlichen Art der Protagonisten erhält man Einblicke, die der Zuschauer sicherlich nicht erwartet.

Frauenzimmer
Saara Aila Waasner
74 Minuten Spieldauer
Lighthouse Home Entertainment
14,99€