SlutWalk Global – Next Station: Marokko

Toronto, Miami, Stockholm, Paris, Sao Paolo, mehrere deutsche Städte… In den Augen der US-amerikanischen Feministin Jessica Valenti sind Slutwalks die „erfolgreichste feministische Aktion der letzten 20 Jahre“. Eine Aktion, die auch in Marokko Anhänger hat. Für Majdouline Lyazidi war der Slutwalk in Toronto „wie ein Erwachen“, die Studentin gründete die Facebookgruppe „Slutwalk Morocco – Women Shoufouch“, die bereits über 5600 Mitglieder hat. Ihr Anliegen : die gefährliche Verwechslung zwischen Flirt und sexueller Belästigung zu bekämpfen.

Von Frédéric Schmachtel

„Eine Frau in Marokko zu sein bedeutet das Glück zu haben, Sartres unsterbliche Worte zu verstehen: ‚Die Hölle, das sind die anderen‘.“ Der Sarkasmus ist unüberhörbar im Kommentar eines Mitglieds der Facebookgruppe „Slutwalk Morocco – Women Shoufouch“, doch trifft er den Nerv des Problems. „Man kann als Frau in Marokko nicht alleine auf die Straße gehen, ohne zu riskieren, verfolgt zu werden“, erklärt Majdouline Lyazidi, Gründerin der Facebookgruppe. „Man fühlt sich nicht in Sicherheit, unabhängig davon, welche Kleidung man trägt. In Marokko können sich Männer vieles erlauben, ohne dass es Reaktionen hervorruft“, beklagt sie. Die 21 Jährige, die kulturelle Mediation in Rabat studiert, träumt seit langem davon, auf die Rechtsunsicherheit von Frauen aufmerksam zu machen.

Kein Wunder, dass sie gespannt verfolgte, wie Tausende Bewohner Torontos Anfang April auf eine Aussage eines Polizisten reagierten, der Vergewaltigungen mit „Schlampenkleidung“ in Verbindung brachte. „Als ich vom Slutwalk („Schlampenmarch“, Anm. d. Red.) in Toronto hörte, war das für mich wie ein Erwachen. Eine wirklich originelle Initiative und gleichzeitig ein wirksamer Zornschrei. Ich wollte die Aktion an Marokko anpassen“.

 

 

 

 

 

Tifawt Belaid, Mitbegründerin von Slutwalk Morocco – Women Shoufouch

 

 

 

Women Shoufouch: Geht da was?

Im August rief Majdouline die Facebook-Community „Slutwalk Morocco – Women Shoufouch“ ins Leben, mit dem Ziel, eine Demonstration in Marokko zu organisieren. Der Begriff slut bzw. Schlampe ist im Arabischen kulturell noch schockierender als auf Deutsch; der Effekt war anfangs gewollt. „Wir wollten Aufmerksamkeit, aber gleichzeitig zeigen, dass wir nicht bloß andere Slutwalks kopieren; daher der Name ‚Women Shoufouch‘.“ Dieser Englisch-Marokkanische Aufruf, der so viel bedeutet wie „Frauen, lasst uns sehen, was möglich ist“ ist abgeleitet von der gängigen Anmache „ua man shoufouch“, „geht was zwischen uns?“

Zumindest auf Facebook wurde der Aufruf gehört; die Facebookgruppe hat mittlerweile über 5600 Mitglieder, die Posts werden manchmal hundertfach kommentiert. Ein Organisationsteam kümmert sich um die Seite, und auch darum, die Diskussion von Facebook in die Öffentlichkeit zu tragen. Mit Erfolg: alle großen Tageszeitungen berichteten von der Initiative, „Actuel“, eine französischsprachige Wochenzeitung hat einen kritischen Themenschwerpunkt zu sexueller Belästigung in Marokko veröffentlicht, die Mitglieder von Women Shoufouch werden in Radiosendungen eingeladen, und selbst das Staatsfernsehen hat das Thema aufgegriffen und bereits zwei Beiträge gesendet.

„Das erste Ziel, eine Debatte anzufangen, haben wir erreicht“, meint Zakaria, Mitglied des Teams. Seine Mitstreiterin Tifawt Belaïd ist ihrerseits „erfreut“ über die „größtenteils positiven Reaktion“ , doch auch Kritik sieht sie positiv. Eine arabischsprachige Online-Zeitung (Hibapress) ist beispielsweise vom ursprünglichen Namen „Slutwalk Morocco“ ausgegangen um die Aktion als Aufruf von Prostituierten darzustellen, die ihren Beruf frei ausüben wollen. „Daraufhin sind viele teilweise hasserfüllte Kommentare auf unserer Seite gepostet worden“, berichtet Tifawt. „Doch war das gar nicht so schlecht, denn auf unserer Seite werden diese Nutzer mit Argumenten konfrontiert, und vielleicht wird das einige von ihnen zum Nachdenken bringen.“

 

Eine Debatte der Oberschicht ?

Die Positionen liegen teils meilenweit auseinander und der Wunsch, konstruktiv die Meinungsverschiedenheiten zu überbrücken, wird nicht immer Wirklichkeit. Für Leila, im Eventmanaging tätig, ist die Initiative „zeitgemäß, sie kommt sogar zu spät. Jedes Mal wenn ich in den Straßen gehe werde ich zornig, sogar wütend. Und wenn ich manche Kommentare auf Facebook und die Meinungen der Männer lese, glaube ich, ich spinne! Die sind aus einer anderen Zeit!“

Der Facebooknutzer El Guelta Samih würde sie als „Modernistin“ abstempeln. In einer langen Nachricht an Women Shoufouch stellt er die für ihn rhetorische Frage, ob Männer ihre Maskulinität ablegen müssen, um eine „exzessive Feminität“ zu ermöglichen. Ob sexuelle Belästigung Ausdruck dieser Maskulinität ist, schreibt er nicht, wiederholt jedoch die Aussage, die die Slutwalk-Bewegung in Toronto ausgelöst hat: Frauen die sich „wie schlampen“ kleiden, seien mitverantwortlich, wenn sie belästigt werden. In derselben Nachricht plädiert dafür, dass „modernistische Frauen“ Männer nicht verspotten, sondern mit ihnen diskutieren sollten.

Weniger ausführlich, doch auch symptomatisch für die Online-Diskussionen ironisiert der Nutzer Kamel El Fassi: „Es stimmt wohl, dass schlechte Flirter, die diese armen Fräulein bei ihrem täglichen Shopping ärgern, das größte Problem auf diesem Planeten sind.“ Bewusst interpretiert er sexuelle Belästigung als Flirt, eine „gefährliche Verwechslung“, die in den Augen der Gründerin von Women Shoufouch ein Kernproblem in Marokko darstellt.

Sein Kommentar deutet auch ein anderes Problem hin. Women Shoufouch sieht sich als Stimme aller marokkanischen Frauen, da alle potentiell gefährdet sind. Gleichzeitig wird eine Demonstration nur einen sehr kleinen Teil der marokkanischen Gesellschaft mobilisieren. „Ich hoffe, dass der Marsch ein Zornschrei wird,“ sagt Leila beispielsweise, „aber ich bezweifle es. Bei einer marokkanischen Frau wird Zorn zumeist als ein Mangel an Schamgefühl und Erziehung gedeutet. Ich habe Angst, dass sich vorwiegend frankophone Frauen versammeln werden“, eine kleine Elite also.

Sie sind es, die als „Modernistinnen“ abgestempelt und des „Okzidentalismus“ sowie des Liberalismus bezichtigt werden. Hier Brücken zu bauen und die vorwiegend auf Französisch geführte Debatte in arabischsprachigen Medien weiterzuführen um andere Volksschichten zu mobilisieren, stellt vielleicht die größte Herausforderung für Women Shoufouch dar.

 

Kommt die Demo ?

Dennoch häufen sich die Nachfragen, wann denn die Demonstration stattfinde. Diesbezüglich bleiben administrative Hürden zu überwinden. Anders als die „Bewegung des 20. Februar“, die seit dem Arabischen-Frühling regelmäßig in vielen marokkanischen Städten ohne offizielle Erlaubnis für einen Systemwandel demonstrierten, hat sich „Women Shoufouch“ dafür entschieden, den legalen Weg einzuschlagen. Das bedeutet für das Team, dass eine NGO gefunden werden muss, die die Patenschaft der Demo übernimmt und den Antrag stellt. „Wir sind mit einer NGO im Gespräch, doch wollen wir mehr Partner finden“, erklärt Zakaria. Vor einigen Wochen noch hoffte das Team, im November in Rabat auf die Straße zu können, doch heute gibt sich Zakaria zurückhaltender. „Ich möchte kein Datum nennen, das nicht eingehalten werden kann“, erklärt er. Doch „unsere gesamten Anstrengungen richten sich auf die Organisation der Demonstration“, fügt Tifawt Belaïd hinzu.