Wie ein Drogenrausch – „Ali, der Tinnitus und ich“

Integration mal anders: Die Bundesregierung zahlt jedem, der einen so genannten Migranten bei sich aufnimmt, eine Prämie in Höhe von 500 Euro monatlich. Hört sich doch nach einer netten Stange Geld an, denkt sich die leicht skurrile Ich-Erzählerin Krasskowski und holt sich kurzentschlossen „ihren“ Ausländer ins Haus. Betty Kolodzy führt den Leser mit ihrem Debütroman „Ali, der Tinnitus und Ich“ in eine groteske und nicht selten irreale Welt gesalzen mit sozialen Seitenhieben, fernen Tagträumen und irrwitzigen Situationen.

Von Dunja Ramadan

Protagonistin Krasskowski hat „noch nichts auf die Reihe bekommen: Nichts erfunden, kein Meisterwerk geschaffen, nicht einmal etwas Anständiges studiert.“ – Man könnte meinen, sie steckt einfach nur inmitten einer Midlife-Crisis, doch spätestens nach ein paar Seiten ist klar, dass da etwas mehr dahinter steckt. Sie tickt etwas anders als andere Menschen. Tagsüber wird sie von der Partei Deutscher Vaterlandsbeschützer verfolgt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben „kinderunwillige, faule Schwiegertöchter, muslimische Vollbärte, Kopftücher, Künstler und alles andere“ zu bekämpfen. Nebenbei arbeitet sie freiberuflich für ein Marktforschungsinstitut, das sie beauftragt Gespräche an Imbissbuden zu belauschen. Als sich der Tinnitus der Protagonistin als die Stimme eines Engels entpuppt, der die ganze Zeit von Pyrenäentruthänen faselt, steigert sich die Absurdität der Ereignisse bis ins Surreale. Zwar ist die eigentliche Funktion des Engels sie zu beschützen und ihr kluge Ratschläge zu erteilen, doch hin und wieder hadert er mit seinem Dasein und muss sich dann auch noch mit seinem plötzlich auftretenden, böswilligen Klon herumschlagen. Der einzige Lichtblick für Krasskowski scheint da das lukrative Angebot der Bundesregierung zu sein: Die Einquartierung eines ausländischen Mitbürgers verspricht ihr 500 Euro im Monat. Blöd nur, dass sich der erste Kandidat als Betrüger herausstellt…

Leseerfahrung gleicht einem verrückten Drogenrausch
„Ali, der Tinnitus und ich“ ist ein zugleich humoristisches wie absurdes Werk, das die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit verschwimmen lässt und dem Leser das Gefühl gibt, sich in einem verrückten Drogenrausch zu befinden. Bei genauerem Lesen erkennt man jedoch das sozialkritische Potenzial, das durch die Absurdität eine neue Art von Kritik darstellt. So gibt es ein Gesetz, das Schwiegermütter dafür belohnt, ihre gebärunwilligen Schwiegertöchter aus dem Weg zu räumen. „Manche wurden in den Selbstmord getrieben, andere in den Wahnsinn. Das nannte man dann Familienpolitik“, erklärt Krasskowski nüchtern. Die scheinheilige Integrationsdebatte und die penible deutsche Bürokratie ist zwar nicht selten genauso absurd wie im Buch angesprochen, doch hätte Kolodzy ein wenig dünner aufgetragen, wäre die Message vielleicht besser angekommen. Eine absurde Szene jagt die nächste, so dass der Leser letztendlich in einem Wust von Groteskem zu ersticken droht und an einem Punkt angelangt, in dem er nicht mehr so recht weiß, worauf die Autorin überhaupt hinaus will. Insgesamt ist das satirisch-ironische Werk der Autorin jedoch zu empfehlen, da die Integrationsdebatte und die deutsche Innenpolitik mal aus einem ganz anderen, absurden und ja, etwas sehr eigenem Blickwinkel, beleutchtet wird.

 

„Ali, der Tinnitus und ich“ von Betty Kolodzy
200 Seiten
Sujet Verlag
ISBN-10: 3933995647
ISBN-13: 978-3933995643