“Gebt unserer Regierung kein Geld”

Amani Eltunsi im Radiosender (c) Dunja Ramadan

Im Herzen der 22-Millionenmetropole Kairo lebt Amani Eltunsis. Sie ist die Gründerin des ersten Frauenradiosenders Ägyptens Banat9bass. Nach einer kleinen Odyssee durch die dichte und unübersichtliche Stadt, empfang sie uns in ihrer Wohnung mit durstlöschenden Ananas- und Guavensaft. Kurz darauf führte sie uns ins schön gestaltete Büro der Radiostation. Man merkt sofort, dass die Einrichtung nicht dem gängigen Geschmack einer jungen ägyptischen Frau entsprach. Die goldlackierten Möbel, die in fast jedem ägyptischen Haus Wohlstand suggerieren sollen, tauscht sie treffsicher gegen originelle Möbel in stylischen Farben. Sie hatte ihren eigenen Stil und ihren eigenen Kopf – und das merkte man, bevor sie überhaupt anfing zu sprechen. Gazelle Autorin Dunja Ramadan sprach mit ihr über Girls Only Radio Station, Frauenrechte, Politik und das Ägypten der Zukunft.

 

Frau Eltunsi, wie kamen Sie auf die Idee einen Radiosender nur für Frauen ins Leben zu rufen? Sind Sie bei Ihrem Vorhaben auf viel Gegenwind gestoßen?
Ich hatte schon immer den Eindruck, dass Medien einen wahnsinnigen Einfluss auf Menschen haben. Dabei fehlten mir immer Medien, die Probleme ansprechen, die meine Freundinnen und mich auch wirklich beschäftigen. Vor drei Jahren dann kam mir die Idee, einen Radiosender nur für Frauen zu starten, um Probleme, die uns betreffen, unverblümt anzusprechen. Erst hatte ich vor, eine Zeitschrift zu gründen, aber ich wollte so viele Frauen wie möglich erreichen und da erschien mir das Internet einfach als eine größere Plattform. Die Reaktionen waren vor allem positiv: In der ersten Woche, in der wir mit dem Radio auf Sendung gingen, hatten wir 15.000 Zuhörer. Außerdem bekamen wir viele Interview-Anfragen von TV-Sendern. Dadurch stieg unser Bekanntheitsgrad – wir wurden nicht nur in Ägypten bekannt, sondern auch in den restlichen arabischen Ländern.

Was sind die großen Themen Ihrer Sendung seit dem Gründungsjahr 2008?
Die großen Themen der letzten Jahre waren vor allem die sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit; die Beziehung des Mädchens zu ihrer Familie; die Ehe; die Scheidung und die Kindererziehung.

Würden Sie sagen, dass Sie auch Tabuthemen diskutieren?
Die ehemalige Regierung schränkte uns in unseren Themen ein. Zum einen verbat sie uns, über Politik zu sprechen und zum anderen über Religion. Und von meiner Seite aus vermied ich es, über Sex zu sprechen, ganz einfach, weil es von Anfang an nicht mein Ziel war. Nach der Revolution forderten die Salafisten uns auf, mehr über die Religion zu sprechen, anstatt z.B. Musik zu spielen. Vorsichtshalber halte ich den Aufenthaltsort des Senders auch geheim, um die Privatssphäre der Mädchen zu schützen.

Was ist Ihr konkretes Ziel mit ihrem Projekt? Würden Sie Ihren Radiosender als das Sprachrohr der ägyptischen Frauen bezeichnen oder versuchen Sie vor allem, deren Probleme zu lösen?
Die intellektuellen Frauen Ägyptens haben in diesem Land nicht wirklich eine Stimme, dabei sind sie doch letztendlich die Hoffnung Ägyptens. Sie werden mal Mütter und ziehen die zukünftigen Männer und Frauen Ägyptens groß. Dabei ist es mir vor allem wichtig, dass jene Frauen ihren eigenen Charakter bilden. Dass sie nachdenken, Dinge hinterfragen und sich nicht nur mit Mode und Schönheit beschäftigen. Dabei will ich sie auch politisch animieren. Ich war eine von denen, die auf den Tahrir-Platz ging.

Inwiefern haben sich die Themen nach der Revolution verändert?
Wir hatten zu der Zeit den Themenschwerpunkt „Auf dem Tahrir“. Wir hatten Live-Schaltungen, so dass man immer Bescheid wusste, was dort gerade passierte. Man wusste nicht, ob es ein Morgen geben wird. Neben mir starben Leute – es war eine aufwühlende Zeit. Das Beste daran war, dass wir Frauen keine Angst mehr vor sexueller Belästigung haben mussten. Das lag daran, dass die Jugendlichen endlich ein Ziel vor Augen hatten. Das ganze Angemache kommt doch nur vom Herumlungern, von der Perspektivlosigkeit. Wenn wir eins von unserer Regierung gelernt haben, dann war es Hoffnungslosigkeit. Aber auch schon vor der Revolution gab es eine seltsam ruhige Phase. Das lag daran, dass Anfang des Jahres Anschläge auf Kirchen verübt wurden. Die Menschen in Ägypten waren verunsichert. Wissen Sie, wir sind kein intolerantes Volk, die Christen gehören zu uns. Die Einzigen, die etwas gegen sie haben, sind die Salafisten. Sie versuchen die ungebildete Masse gegen die Christen aufzuhetzen.

Würden Sie Ihren Sender als politisch bezeichnen?
Eigentlich nicht. Es geht eher um die gesellschaftliche Rolle der Frau. Das heißt aber nicht, dass wir nicht politisch aufklären. Wir haben den Programmpunkt „Ein wenig Politik“, in dem wir erklären, was eigentlich Bezeichnungen wie „liberal“, „links“ und „salafistisch“ bedeuten, da das für das ägyptische Volk völlig neue Themen sind. Wir bieten unseren Zuhörerinnen Vorbilder. So machen wir Interviews mit den weiblichen Kandidatinnen für die kommenden Wahlen, wie z.B. Boutheina Kamel. Unser Ziel ist es dabei, den Frauen zu zeigen, dass auch sie das erreichen können. Was sollte sie davon abhalten?

Welches Thema liegt Ihnen persönlich am Herzen?
Mir ist es vor allem wichtig, dass die ägyptische Frau ihre Rechte in der hiesigen Gesellschaft erhält. Dabei meine ich nicht die typischen Männer-Frauen-Rechte.

Was wären das denn für Rechte?
Ihr Recht ist es zu arbeiten oder nicht zu arbeiten. Ihr Recht ist es, das Kopftuch zu tragen oder auch nicht. Ihr Recht ist es, zu heiraten oder nicht zu heiraten. Ihr Recht ist es, sich scheiden zu lassen, ohne danach schief angesehen zu werden. Ihr Recht ist es, Entscheidungen zu treffen, ohne erst darüber nachzudenken, was die Leute sagen könnten.

Was würden sie als das „größte Problem der Frauen Ägyptens“ bezeichnen?
Da in Ägypten auf jeden Mann drei Frauen kommen, “pickt” sich der Mann zur Heirat entweder eine Reiche oder eine Arbeitende heraus, damit sie für das Einkommen sorgt. Das war früher nicht der Fall, doch heutzutage haben die meisten Frauen die Möglichkeit zu arbeiten. Sobald der Mann das Gefühl hat, dass die Frau für beide aufkommen kann, lässt er sie arbeiten gehen und bleibt zuhause. Das ist ein großes Problem, da die Frau dadurch nicht nur für den Broterwerb zuständig ist, sondern auch für die Kindererziehung und den Haushalt. Das ist eine glatte Dreifachbelastung!

Was würden Sie an Ägypten verändern, wenn Sie es könnten?
Die Gleichheit vor dem Gesetz! Heutzutage zählt doch nur das Geld, die Reichen schicken ihre Kinder auf die guten Schulen, damit sie dann in Papas Fußstapfen treten – während die Armen ungebildet bleiben – ein echter Teufelskreis also. Das Wichtigste sollte sein, dass man Rechte hat und nicht Geld!

Was sind ihre Perspektiven für Ägypten?
Ich glaube, dass sich in den nächsten zwei, drei Jahren das Leben in Ägypten verbessern wird. Dabei habe ich einen Appell an das Ausland: Helft uns nicht mit Geld, sondern startet Projekte in Ägypten mit uns als Arbeitskraft! Gebt unserer Regierung kein Geld, denn davon werden wir nie einen Cent sehen! Investiert in unser Land, damit wir nach all den Mubarak-Jahren wieder auf die Beine kommen! – Wir sind kein schwaches Land, einst waren wir auf dem gleichen Level wie Europa – wir brauchen nur ein wenig Starthilfe. Denn eines kann ich mit Gewissheit sagen: Gebt uns ein Ziel, und 80. Millionen Ägypter und Ägypterinnen werden hinterherrennen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Link zur Radiowebseite: http://www.banat9bass.com/

Wer den Radiosender und die Arbeit der Macherinnen unterstützen möchte, kann sich an der Aktion der filia-frauenstiftung beteiligen: http://www.filia-frauenstiftung.de/inhalt/akteurinnen-des-sozialen-wandels/foerderprojekte/aktuell.html


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