“Mich kann man gar nicht kategorisieren”

Liz Baffoe (c)WDR/Melanie Grande

Liz Baffoe ist Schauspielerin und lebt in Köln. Sie ist in Bonn als Tochter eines ghanaischen Diplomaten geboren und in Bonn aufgewachsen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wenn da nicht immer die Herkunft einen unangenehmen Schatten in ihren Berufszweig hinterlassen würde. Gazelle Autorin Nilgün Akıncı hat sich mit ihr im Natuzzi auf dem Hohenzollernring in Köln getroffen und mit ihr über diese Erfahrungen im Filmgeschäft gesprochen.

 

Was sind die klassischen Rollenanfragen, die Du erhältst?
Ich habe elf Jahre in der Serie Lindenstraße eine Asylantin gespielt, was ich toll fand, weil ich bzw. die Serie, die Seiten des Asyls in Deutschland aufgedeckt haben, schließlich flieht keiner freiwillig aus seinem Land ohne schlecht behandelt zu werden oder dass sich etwas Schwerwiegendes zugetragen hat. Dann habe
ich eine Haushälterin in der internationalen Produktion “Die Manns” gespielt. Es wäre schön auch mal andere Geschichten zu sehen, wie zum Beispiele meine eigene. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe hier Abitur und eine Ausbildung gemacht. Natürlich gibt es die Klischees, aber ich fände es schön, wenn auch mal die anderen Seiten gezeigt würden.

Als wäre es nichts Natürliches, was in der Gesellschaft vorkommen kann.
Das Bild hat sich glaub` ich ein bisschen festgefahren. Diese Klischeerollen gibt es alle auch in der Realität. Aber die Realität hat sich sehr viel weiterentwickelt und es gibt auch die andere Seite. Es hat auch mit Integration zu tun, wenn man sich anpasst, Deutsch lernt, die Schule beendet und dann doch wieder Grenzen aufgewiesen bekommt.

 

Findest du, dass es in Deutschland stärker ist als in anderen Ländern? Hast Du da Erfahrung?
Es ist anders. In Amerika, England oder sogar in den Niederlanden ist es sehr multikulturell. Es ist kein Vorwurf sondern eine Anregung zum Umdenken. Hautfarbe sollte keine Rolle spielen. Es ist ok, wenn sie sagen, ich passe nicht ins Profil wegen Alter, Gewicht, Größe oder dergleichen, das ist professionell und kann für jeden gelten.

 

Wie reagierst Du darauf?
Ich möchte es dann erklärt bekommen, denn das verstehe ich nicht und es tut auch weh.

 

Was ist deine Traumrolle?
Ich wollte früher entweder Ärztin werden oder Schauspielerin, da ich keine Ärztin bin würde ich es gerne auch mal spielen. (lacht) Ich würde auch gerne mal eine leitende Rolle spielen, wo du einfach Stärke zeigen kannst, nicht immer die Abhängige darstellst, der alles erklärt werden muss. Wo ich zeigen kann, egal woher du kommst, du kannst es schaffen!

 

Eigentlich auch ein bisschen dich selber zeigen, schließlich musstest du stark und selbstbewusst sein, um so weit zu kommen. Wie haben denn deine Medien-Kollegen auf dein Interview vor zwei Wochen bei RTL reagiert indem Du über die Benachteiligung von dunkelhäutigen Schauspielern gesprochen hast?
Einige waren sehr überrascht über die Umstände und andere, die wissen, dass es so ist, haben gemeint, es sei sehr mutig von mir. Ich habe aus meiner Erfahrung erzählt und möchte nichts anprangern sondern in den Dialog treten und diskutieren. Warum ist es so, warum wird man so eingeschränkt? Das Leben ist kunterbunt. Ich mag diese Kategorisierung nicht “Die ist aus dem Land, der ist aus der Gegend.” Mich kann man gar nicht kategorisieren, ich fall da gar nicht rein!

 

Deswegen eckst Du auch an!
(lacht) vielleicht…

 

Da braucht manch einer ein Weilchen, um einen einzuordnen. Das dein Deutsch gelobt wird und großes Oho kommt, wenn sie von deiner Ausbildung hören.
Alle Menschen stehen auf gleicher Augenhöhe. Keiner ist besser als der andere. Ich finde es immer total interessant mich mit Leuten zu unterhalten, “Was machst du, woher kommst du?” und dann die Reaktion, wenn ich sage: “Ich bin Deutsche”.

 

Du empfindest Deutschland schon als deine Heimat, oder?
Ich habe das große Glück in zwei Kulturen großgeworden zu sein und habe beide in mir, aber Deutschland ist meine Heimat, ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich habe hier mein ganzes Leben gelebt. Als ich mich eben mit einer Kollegin getroffen habe, hat sie auch sehr positiv auf mein Interview reagiert, sie sagte, es täte ihr total leid und sie habe es nicht gewusst. Dass sie mich darauf angesprochen hat fand ich schön. Ich bin auch bereit zu diskutieren. Ich habe unendlich viele Mails gekriegt, die Reaktion war immens, viel Positives!

 

Was meinst Du wie man das aufbrechen kann?
Indem man mehr miteinander redet; offener wird und weniger fragt, woher jemand kommt. Es muss ein Umdenken stattfinden, schließlich ist es doch egal, welcher Ethnie man angehört, ich frage die schwarze Verkäuferin im Alltag auch nicht, “Warum und in welchem Kontext stehen Sie hier?”

 

Wobei sogar das manchmal vorkommt, obwohl es nicht sein sollte.
Genau so ist es. Ich habe ja gar kein Problem, aber ich werde immer wieder auf etwas aufmerksam gemacht, was ich nicht mehr sehe. Und ich hätte nicht gedacht, dass wir das im Jahre 2011 noch als Thema hätten. Ich mache es ja auch nicht davon abhängig woher jemand kommt. Mag ich den Menschen oder mag ich ihn nicht, mit der Herkunft hat das nichts zu tun. Mir ist wichtig, in den Dialog miteinander zu treten, sich kennenzulernen und Chancen zu geben und somit auch Vorurteile abzubauen.

 

Was sind deine aktuellen Projekte?
Es gibt gute Ansätze. Ich drehe gerade in Erfurt eine Kinderserie, Schloss Einstein. Da spiele ich eine Lehrerin, das finde ich total toll! Und ein Fall für Die Anrheiner, was aktuell läuft. Da spiele ich eine Frau aus Ghana, die Kunstgeschichte studiert hat und als Fotografin arbeitet.

 

Das klingt doch gut, eine kultivierte und selbstständige Rolle!
Ja, das ist prima!

 

Was möchtest du der Medienbranche am Ende unseres Gesprächs noch mitgeben?
Ich möchte wirklich, dass wir offener miteinander sind und man mal einfach vergisst woher jemand kommt. Dass man die Stereotypen fahren lässt und die Talente annimmt. Ich fände es mal super, wenn es eine kunterbunte Serie gäbe, in der das Talent und nicht die Herkunft zählt, schließlich bieten Film und Fernsehen alle Möglichkeiten dafür!

 

Vielen Dank für das offene Gespräch!

 

Videotipp: Ein Beitrag vom Zapp Magazin zum Thema