Yael Deusel und Lea Mühlstein – Rabbinerinnen von morgen

Morgengottesdienst am Abraham Geiger Kolleg mit Rabbinerin Dr. Dalia Marx und Kollegen (c) Barniske / AGK

Eine neue Generation von Frauen entdeckt für sich das höchste religiöse Amt im Judentum. Ein Bericht von Gastautorin Michelle Piccirillo.

Rabbiner sind in der jüdischen Tradition die geistlichen Oberhäupter der Gemeinde, Schriftgelehrte und Seelsorger zugleich. Rabbiner sind belesen, weise, tragen Kaftan, Hut und Bart – so die weit verbreitete Vorstellung. Dieses traditionelle Verständnis wird aber seit einiger Zeit hart auf die Probe gestellt.

Denn zunehmend entdecken auch Frauen dieses Amt für sich. In Deutschland amtieren etwa eine handvoll weibliche Rabbiner, weitere befinden sich derzeit in Ausbildung. Dass Frauen in der Gemeindearbeit immer mehr Verantwortung übernehmen, ist in den USA schon seit den 1970er Jahren ein stetiger Aufwärtstrend – heute stellen dort Frauen die Mehrheit an religiösen Würdenträgern. In Deutschland sieht dies aktuell noch anders aus, nicht zuletzt weil hier die Reform-Gemeinden, in denen Frauen und Männer in religiösen Belangen gleich behandelt werden, weniger zahlreich vertreten sind. Das Abraham Geiger Kolleg, angesiedelt an der Universität Potsdam, ist die einzige Institution in Deutschland, die auch Frauen zu Rabbinerinen ausbildet.

 

Rabbinerin Alina Treiger bei ihrer Ordination 2010 in Berlin (c) AGK

Dabei gibt es gerade in Deutschland historische Präzedenzfälle, in denen Frauen erfolgreich in die von Männern dominierten Sphären religiöser Gelehrsamkeit vorgedrungen sind. Im Umfeld der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums sprach 1928 in Berlin mit Lily Montagu erstmals eine Frau von der Kanzel einer Synagoge und nur wenige Jahre danach wurde ebenfalls in Berlin Regina Jonas als weltweit erste Rabbinerin ordiniert.

 

Nicht leicht in männlich bestimmten Netzwerken“

In diese Fußstapfen wird noch dieses Jahr Yael Deusel (Jg. 1960) treten, wenn sie zusammen mit vier männlichen Kollegen, im November in Bamberg als erste in Deutschland geborene und ausgebildete Rabbinerin ordiniert wird.

Dr. Deusel, die als Oberärztin für Urologie und Kinderurologie an einer Bamberger Klinik beschäftigt ist und ihre Ausbildung zur Rabbinerin beim Abraham Geiger Kolleg absolviert hat, hätte gerne schon direkt nach dem Abitur diese Richtung eingeschlagen, aber: „Man sagte mir, ich könne gerne Religionswissenschaften studieren und dann als Religionslehrerin arbeiten. Aber eine Ordination als Rabbinerin wäre damals undenkbar gewesen.“ Sie entschloss sich also für das Studium der Medizin und für die – ebenfalls für Frauen untypische – Spezialisierung in der Urologie. Ihre Schwester scherzte, als sie von Yaels Entscheidung erfuhr das Rabbinat anzustreben: „Jetzt wo es in der Urologie mittlerweile einige Frauen gibt, möchtest du Rabbinerin werden!“

Deusel hofft, dass auf weibliche Geistliche in der Jüdischen Gemeinde bald so alltäglich reagiert wird wie in der Medizin auf Ärztinnen. Sie räumt ein, dass es in beiden Bereichen Vorbehalte von männlichen Kollegen gibt und man es als Frau in männlich bestimmten Netzwerken nicht immer leicht hat. Ihr Wunsch ist es als weibliche Kollegin akzeptiert und nicht „vermännlicht“ zu werden, weil dadurch das speziell Weibliche verloren gehe.

Dass Frauen neben der intellektuellen Beschäftigung mit den Quellen des Judentums oft auch besondere Fähigkeiten mitbringen, die sich für das Arbeiten in den jüdischen Gemeinden als vorteilhaft erweisen, bestätigt die in in München aufgewachsene Lea Mühlstein (Jg. 1980), die nächstes Jahr zur Rabbinerin ordiniert werden wird. Nicht nur seien Frauen häufig die besseren Zuhörer und dadurch auch bessere Seelsorger, sie hätten ihrer Meinung nach auch einen eher horizontalen Führungsstil, der für eine inklusive Gemeindearbeit sehr wichtig ist.

Die Gemeindearbeit sieht Mühlstein, die am Leo Baeck College in London studiert, im Zentrum der jüdischen Religion. Sie sei im individualistisch geprägten Alltag ein „positiver Ankerpunkt, einer an dem man merkt, dass es nicht nur einen selber gibt.“ Als Rabbinerin habe man in diesem Rahmen die meisten Möglichkeiten die einzelnen Gemeindemitglieder richtig kennenzulernen, Individuen zu fördern und mittels der Predigt Impulse zu geben.

Mühlstein, die sich nach einem Studium der Naturwissenschaft und ersten Erfahrungen in der chemischen Forschung für das Rabbinat entschied, thematisiert den Gender-Aspekt in ihrer Arbeit nicht explizit.

Sie findet Feminismus und das Zusammenleben der Geschlechter sehr wichtig, möchte hierauf aber nicht reduziert werden: „Ich bin nicht nur Frau. Ich definiere meine Persönlichkeit nicht nur darüber, dass ich eine Frau bin.“

Anderen zu erzählen, dass sie als Frau anstrebt Rabbinerin zu werden, bereitet ihr keine Sorgen: „Viele sind überrascht, einige können es nicht glauben, aber im Großen und Ganzen sind die meisten positiv interessiert.“


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