Ägypten – „Unser Revolutionsbaby“

Demonstranten in Kairo (c) Dunja Ramadan

Von Dunja Ramadan

Januar 2011. Tagelang bestand mein Tagesablauf darin, von Facebook zu Aljazeera zu switchen um auch ja die aktuellsten und umfangreichsten Informationen aus Ägypten zu bekommen. Ich verließ das Haus nur um in die Uni zu gehen und selbst dort behielt ich stets ein wachsames Auge auf meine Aljazeera live-App. Während alle im Prüfungsstress waren, erschienen mir Klausuren auf einmal nebensächlich und total unpolitisch. Ich war einfach unglaublich mitgerissen. Endlich, nach drei Jahrzehnten, hatte sich zahlreiche Ägypter dazu aufgerafft auf die Straße zu gehen, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Zehn Tage zuvor war ich noch dort, sogar am Tahrir-Platz, und jetzt schliefen dort Leute, Leute die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollten. Leute, die nach einem dreißigjährigen Dornröschenschlaf endlich aufgewacht werden! Leute, die den selbstherrlichen und unnützen Pharao Hosni Mubarak endlich von seinem Thron gekickt haben! Ich war unglaublich stolz und zugleich unglaublich traurig, nicht ein Teil sein zu können. Als ich die Bilder im Fernsehen sah, in denen Polizeiautos einfach so Menschen überfuhren; als ich sah, dass junge Menschen in meinem Alter ihr Leben lassen mussten, um für etwas zu kämpfen was wir hier als „normal“ ansehen – war ich unglaublich betroffen. Als ich diesen Sommer nach Ägypten flog, flog ich mit einem völlig anderen Gefühl. Ich stellte mir saubere Straße und tanzende Menschen vor, die alle ein „Mubarak – Game over!“ – T-Shirt tragen. Doch so auf den ersten Blick hatte sich wenig verändert. Im Gegenteil die Straßen waren noch verschmutzter als sonst, der Verkehr nach dem weiten Verschwinden der Polizei noch chaotischer (wer hätte das für möglich gehalten?) – und ich saß da, in meinen blumigen Illusionen gestört. Gleichzeitig fragte ich mich: „Braucht nicht jede positive Entwicklung seine Zeit?“

Wir wollen eine gerechte Verhandlung, keine unnötigen Vertagungen!“

Als ich dann von den angekündigten Demonstrationen hörte, war ich sofort Feuer und Flamme. Während die meisten Ägypter ihre revolutionäre Energie in den letzten Monaten bereits aufgebracht hatten, musste ich meine verstaute Energie unbedingt noch loswerden. Ich machte mich also nach dem Freitagsgebet auf den Weg in Richtung Stadtzentrum. Es war unglaublich heiß, doch das machte mir nichts aus. Schon von weitem sah ich die schwarz-weiß-rote Flaggen und merkte wie mein Puls höher schlug. Die Straße war gesperrt, die Menschen schrien Parolen wie „Freiheit für unser Volk!“ und „Wir wollen eine gerechte Verhandlung, keine unnötigen Vertagungen!“

Dann endlich sah ich sie: Die entschlossenen Gesichter der Jugend, die ich im Fernsehen immer so bewundert habe. Mädchen, die in modischen Kopftüchern ihr Smartphone in der Hand hielten, um alles auf Video festzuhalten und auf Facebook hochzuladen. Jungs, die ihre Fäuste in die Luft recken und schrien: „Wir lassen uns nicht mundtot machen! Wir hören erst auf, wenn wir gerechte Wahlen bekommen!“ Ich filmte jede Bewegung der Masse, fotografierte was das Zeug hielt und brüllte aus vollem Hals mit. Jeden Passanten, der vorbeiging und nicht mitdemonstrierte, bestrafte ich mit einem bösen Blick, ohne es zu wollen. Nach einer Weile kam ein Mob von Fußballfans auf uns zu. Dazu sollte man wissen, dass es vor ein paar Tagen zu schweren Ausschreitungen nach einem Fußballspiel kam, bei denen mindestens 130 Polizisten verletzt wurden und nun werden jene Fußballfans gerichtlich dafür belangt. Sie fingen also an anti-polizeiliche Parolen zu skandieren und ich dachte nur: „Was ist denn das für ein Kinderschmarrn, hier geht es doch um etwas viel Wichtigeres!“ Enttäuscht und zugleich besorgt, um unser kleines „Revolutionsbaby“ wandte ich mich ab und blickte in das Gesicht eines alten Mannes, gezeichnet vom Leben. Sein ausgemergelter Körper war in eine Ägyptenflagge gewickelt und ich fragte mich, ob er wohl noch die Früchte dieser Revolution zu sehen bekommt. Ich hoffe es!