Kinotipp: CAIRO TIME

Von Dunja Ramadan

Kairo. Vor nicht allzu langer Zeit wurde hier Geschichte geschrieben – Millionen von Menschen gingen auf den „Platz der Befreiung“, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Kairo ist nicht nur eine junge, widersprüchliche und chaotische Metropole, sondern auch eine unglaublich kultur- und geschichtsträchtige, geheimnisvolle und – ja, auch unglaublich romantische Stadt.

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Die Modejournalistin Juliette reist nach Kairo, um ihren Mann Mark zu besuchen, der für die UN in Gaza arbeitet. Doch bereits am Flughafen läuft alles anders als geplant: Da ihr Mann kurzfristig im Krisengebiet aufgehalten wird, wartet Tareq, ein ägyptischer Freund ihres Mannes, auf sie. Als Mark auch die nächsten Tage auf sich warten lässt, beschließt Juliette, Kairo auf eigene Faust zu entdecken. Die emanzipierte Karrierefrau schlendert also durch Kairos Straßen, merkt aber schon bald, dass Kairo sich ohne einheimischen Begleiter als schwieriges Unterfangen entpuppt. Und wer eignet sich da besser, als der charmante Tareq, der nicht nur sehr zuvorkommend ist, sondern sich auch noch als begnadeter Fremdenführer erweist. Tareq öffnet Juliette inmitten des wirren Kairoer Alltagschaos die Tore zu einer zauberhaften orientalischen Stadt, in der die Magie des Orients in seiner Schönheit, Gemächlichkeit und Pracht doch noch ihren Platz findet. Vor der außergewöhnlichen Kulisse Kairos entwickelt sich aus der anfänglich zurückhaltenden Sympathie eine tiefe Zuneigung, die an das ruhige, aber beständige Dahingleiten des majestätischen Nils erinnert….

 

Begegnung mit einer neuen Welt führt zur Entdeckung eines neuen Ichs

Vor allem die Oscar-nominierte Patricia Clarkson alias Juliette vollbrachte eine schauspielerische Glanzleistung als bedachte, verheiratete Frau mittleren Alters, die sich in der Begegnung mit einer ihr völlig anderen Kultur keineswegs (selbst) verliert, sondern neugewonnene Erfahrungen, Erkenntnisse und Erlebnisse offen und begeistert aufnimmt. Juliette ist keine naive, leichtsinnige Frau, die auf ein kleines Liebesabenteuer aus ist, sondern eine erfahrene, elegante Frau, die in der Begegnung mit Tareq eine neue Welt und auch ein neues Ich entdeckt. Ein Leben lang nahm sie Rücksicht auf die Arbeit ihres Mannes, zog zwei Kinder groß und arbeitete als Journalistin. Und am anderen Ende der Welt, in Ägypten, bietet sich ihr die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Weit weg von der gewohnten Umgebung und den gewohnten Pflichten findet sie ihren inneren Frieden und trifft völlig unverhofft auf die Liebe. Auch Alexander Siddig alias Tareq läuft in seiner Rolle als ägyptischer Gentleman zur Bestform auf und strahlt jene Gelassenheit und Ruhe aus, die Juliette in all den Jahren vermisst hatte. In seiner höflichen, beschützenden und zurückhaltenden Art verkörpert er traditionelle arabische Werte – gleichzeitig zeigt er jedoch einen toleranten, offenen Blick auf die Dinge und entdeckt seine eigene Welt mit den Augen Juliettes neu.

 

Unwestliche Liebesgeschichte“

Der kanadisch-syrischen Regisseurin Ruba Nadda gelingt eine Liebesgeschichte, die melancholisch, zart und poetisch ist und sich von 08/15-Romanzen dahingehend unterscheidet, dass sie nicht von dem unbedingten, realitätsfernen und oft auch kurzfristigen Drang sich erfüllen zu müssen dominiert wird, sondern den behutsamen Charakter der Liebe in den Vordergrund stellt. Regisseurin Nadda bezeichnet die Liebesgeschichte zwischen Tareq und Juliette als „sehr un-westlich“. Sie impliziert mit dem Westen „Erwirtschaften, Gewinne, fällige Deadlines und eilen, eilen, eilen“ und da Protagonistin Juliette eben diese Lebensform lebt, wird sie „plötzlich dazu angehalten, einen Gang runter zu schalten und die ‚Cairo Time‘ anzunehmen.“ Es ist eine wunderschöne, unkomplizierte Begegnung von Ost und West und zeigt einmal mehr, wie nah man sich doch ist.

Die Liebe von Tareq und Juliette zeichnet sich nicht durch aufbrausende Leidenschaft aus, die oft genauso schnell wieder abklingt wie sie begonnen hat, sondern durch vorsichtige, zurückhaltende Liebe, die durch Beherrschung an emotionaler Spannung und Größe gewinnt.

 

>> Webseite zum Film.

>> Trailer zu Cairo Time

 

Originaltitel: Cairo Time
Romantikdrama, CAN/IRL/EGY 2009
Filmverleih: Alamode Film
Filmlänge: 88 Minuten
Kinostart (DE): 1.9.2011
Schauspieler/Darsteller: Patricia Clarkson, Alexander Siddig, Elena Anaya, Tom McCamus, Amina Annabi, Mona Hala u.a.
Regisseur: Ruba Nadda

Intersections unter Muslimen

Gastautorin Sakine Subasi-Piltz

Gastautorin Sakine Subasi-Piltz

Ein Gastkommentar von Sakine Subasi-Piltz

Vor etwa einem Jahr hat sich der Verein der liberalen Muslime, Liberal-Islamischer Bund e.V., mit Lamya Kaddor an seiner Spitze gegründet. Öffentlichkeitswirksam hat die Vorsitzende verkündet, dass sie für die „schweigende Mehrheit der Muslime eine Stimme geben möchte, die keine fundamentalistischen Positionen vertreten, sondern das Motto: „Leben und leben lassen“.
Erst mal eine gute Idee, wie viele Muslime fanden. Wenn da nicht einige Stolpersteine gewesen wären, die letztlich die guten Vorsätze vorerst zum Scheitern brachten. So gibt es seit der Gründung viele Diskussionen, die vorwiegend im sozialen Netzwerk Facebook und auf verschiedenen Blogs stattfanden. Die Diskussionen bei Facebook drehen sich mittlerweile im Kreis, auch weil sich die Vorsitzende in diesem Fall nicht äußert und andere Mitglieder des LIB in den Kritiken sich lediglich persönlich gekränkt fühlen. Dabei wollen sie mit ihrem Verein laut ihrer Homepage sogar eine „innerislamische Diskussion“ anstoßen, die ihnen jetzt aber nicht zu passen scheint. Seit dem Artikel von Lamya Kaddor in der Süddeutschen Zeitung am 8. August, in der sie ihre KritikerInnen unter anderem als „Konservative“ bezeichnet und als Bedrohlich darstellt, ist die Debatte über den Verein nun auch in der Öffentlichkeit angekommen. Zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung von Lamya Kaddor und auf einen darauf folgenden in der Welt am 20. August über sie, hagelt es fortan Kritik. Die Kritiken sind sehr vielseitig und verschiedenen Interessen geschuldet. Die wichtigsten Bedenken, die viele kritische Stimmen einen dürfte, ist die Frage, wo bei all der medienwirksamen Öffentlichkeit die Vertretung der vermeintlich „Schweigenden Mehrheit“ bleibt. Selbstkritik scheint nicht zu existieren.

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Kritikpunkte

Eine der Hauptkritik an diesem Verein ist, dass er sich nur in negativer Abgrenzung und durch das Bedienen von Vorurteilen zu anderen islamischen Verbänden und der Mehrheit der Muslime, den sie aber dennoch vertreten wollen, profiliert. So ist es auch nicht erlaubt, in diesem Verein Mitglied zu werden, wenn man gleichzeitig Mitglied in einem anderen islamischen Verband ist. Insgesamt weckt der Verein auch mit den Formulierungen der Vorsitzenden den Anschein, dass alle Muslime, die nicht bei ihr organisiert sind, nicht liberal, offen und tolerant wären und eröffnet der Islamophobie Tor und Türen. Schließlich gibt Lamya Kaddor als Vorsitzende des Vereins in ihren Texten auch vermeintlich klare theologische Vorgaben, mit denen viele Muslime auch nicht ohne weiteres einverstanden sind. So erklärt sie u.a., dass das Kopftuch heute „obsolet“ sei. Jedoch stößt auch diese theologische Abgrenzung nicht per se auf Kritik. Muslimische Vielfalt ist kein neues Phänomen in der islamischen Geschichte und auch heute tun sich Muslime in Deutschland nicht schwer damit, verschiedene muslimische Auslegungen nebeneinander stehen zu lassen. Vielmehr sind viele an einem Austausch über Glaubensinhalte und theologische Prämissen interessiert, aber sie wollen die Trennung zwischen Politik und Glaube beibehalten.

Die Anzahl der Mitglieder liegt, laut einem Welt-Artikel bei unter 100. Offensichtlich soll es auch nicht-muslimische Mitglieder im Verein geben, was umso erstaunlicher ist, da nicht einmal alle interessierten Muslime Mitglied werden können. Die Mitgliederzahlen reichen also noch lange nicht, um als AnsprechpartnerInnen des Staates eine gewichtige Rolle in der Gestaltung des Islamunterrichts oder anderen muslimischen Belangen zu spielen und im Namen einer Mehrheit der Muslime zu sprechen.

Durch die gesamte Aufmachung mit dem labeling „liberal“ wird schließlich ein problematisches Bild hergestellt. Denn für nicht-muslimische Ohren mag die Kennzeichnung liberal vor dem Begriff Islam wohlklingend sein, liegt aber genau hierin das Problem. Denn die Selbstbezeichnung als „liberal“ mit der gleichzeitigen zum Teil Ausgrenzung vieler Muslime, suggeriert der Verein, dass allein sie einen freiheitlichen Islam praktizierten, was der Grund einiger KritikerInnen ist, nicht in diesen Verein einzutreten.

 

Die Falle der „BerufsmigrantInnen“

Bei Facebook wird die Kritik von den Mitgliedern unterdessen auch als eine Schlammschlacht dargestellt. Könnte das wirklich sein? Nein, vielleicht mag die eine oder andere persönliche Animosität mit hinein spielen, aber die sollen hier keine Rolle spielen. Es ist auch zu einfach zu unterstellen, Kaddor versuche sich selbst auf Kosten der Mehrheit der Muslime zu profilieren. Vielmehr tappt sie, und das ist meine Vermutung, in die gleiche Falle herein, wie zuvor Publizistin Necla Kelek, die Rechtsanwältin Seyran Ates und andere sogenannte „Berufsmuslime“, „Berufstürken“ und „BerufsmigrantInnen“, die sich gesellschaftspolitisch engagieren und sich insbesondere für MigrantInnen und oder Muslime einsetzen wollen, aber den Spagat zwischen Herrschafts- und Minderheitendiskurs nicht hinbekommen. Deswegen richtet sich die Kritik nicht nur gegen den LIB e.V., sondern auch gegen staatliche Institutionen und den Medienmainstream, der Vorurteile gegen Muslime offensichtlich fördert. Zu groß ist nämlich nicht nur die Kluft zwischen vielen Muslimen und dem LIB e.V., sondern auch zwischen Muslimen und dem deutschen Staat, der offensichtlich nur Muslime anzuerkennen in der Lage ist, die Vorurteile bedienen können. So ist es nicht von ungefähr, dass die Karrieren der genannten Personen erst ab dem Zeitpunkt steil bergauf gehen, an dem sie beginnen, Vorurteile zu bedienen. Als BerufsmigrantInnen stehen sie schließlich für die „Sachlichkeit“ vorurteilsbehafteter Argumente und verleihen ihnen allein durch ihre ZeugInnenschaft einen Wahrheitsgehalt.

 

Governance-Feminismus, Governance-Islam

Dieses Phönomen, ist in etwas abweichender Form unter dem Begriff des Governance-Feminismus bereits bekannt, wonach der „von führenden weiblichen Immigrantenvertretern kommende Aufruf zur Bekämpfung der Geschlechterungleichheit in muslimischen Gemeinschaften die Untertöne einer rassistischen Stigmatisierung trägt“.(Yurdakul, 2011) Lamya Kaddor unterscheidet sich von dieser Definition dadurch, dass sie versucht im Gegensatz zu Necla Kelek beispielsweise, die jegliche Probleme unter Muslimen auf den Koran zurück führt, eine islamophile Alternative anzubieten. Sie stellt sich auch in der Öffentlichkeit als „gläubige Muslimin“ dar. Ebenso ist auch ihre Empörung gegenüber Islamophobie glaubwürdig, wenn sich auch ihr Kopftuch-Artikel² (s.u.) geradezu wie ein Gutachten für weitere islamophobe und frauenfeindliche Kopftuchverbote liest³. Für sie steht nicht der Feminismus, sondern der Islam an erster Stelle, den sie offensichtlich in den Herrschaftsdiskurs in Deutschland integrieren möchte. Dies ist wie Patrick Bahners am 20.8. in der FAZ bereits dargestellt hat, offensichtlich auch ein Anliegen des deutschen Staates, der einen Staatsislam kreieren möchte, um die Muslime in Deutschland besser kontrollieren zu können. Lamya Kaddors Interesse trifft an diesem Punkt mit dem Interesse des Staates zusammen. Deswegen entwickelt sie nach den Wünschen des Deutschen Staates ihren eigenen Islam, der neben der Ablehnung des Kopftuchs, insbesondere auch das Sunnitentum abschafft, womit sie fast 90% der Muslime aus dem Diskurs auszuschließen bereit ist: „Wenn man bereit ist, sich angesichts der Herausforderungen der Gegenwart von den sunnitisch-orthddoxen Dogmen zu befreien, die diesen Ijtihad untersagen, und den Koran im Wortlaut als ewig gültig verstehen wollen, dann gibt es gute Gründe, zuversichtlich zu sein.“ (s.u.) Schließlich etabliert sie einen bildungselitären Diskurs über und zu der Glaubensgruppe der Muslime und wirft ihnen vor, sie wüssten beispielsweise nicht, was im Koran steht und oder interpretierten ihn falsch. So wüssten auch viele Frauen nicht, warum sie gar ein Kopftuch tragen. Ihre KritikerInnen bezeichnet sie als „konservative“ Muslime, die „einem diffusen, von theologischem Halbwissen gezeichneten Bild von Religion [folgen], das sich vorwiegend auf die Vorstellungen der eigenen Familien gründet und an die Traditionen aus deren Herkunftsländern anknüpft.“ oder als „Salafisten mit Backenbart, langem Gewand und Häckelkäppi“.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kritik lässt sich Kaddor entgehen. Stattdessen wird die Kluft zwischen der Mehrheit der Muslime in Deutschland und Lamya Kaddor immer größer. Jedoch würde die Auseinandersetzung dem LIB guttun und würde vielleicht sogar die Kluft möglicherweise wieder aufheben. Denn wäre der LIB von Beginn an eine rein politische Organisation gewesen, die sich nicht ablehnend von der Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime abgrenzt oder gar versucht eine Art neue Konfession angelehnt an die persönlichen Vorlieben der Vereinsmitglieder zu gründen, ist anzunehmen, dass viele der KritikerInnen schon längst Mitglieder in ihm wären. Denn im Gegensatz zu einer Politisierung des Glaubens und der Stigmatisierung von Muslimen, wünschen sich viele Muslime, und das wird auch deutlich in den Facebook-Diskussionen, eine angemessene und gemeinsame politische Vertretung in Deutschland, die auf Konsens unter Muslimen gründet und (theologische)Unterschiede akzeptiert. Doch bis dahin scheint es noch ein weiter Weg zu sein.

²- Vgl. Kaddor, L.: Warum das islamische Kopftuch obsolet geworden ist. Eine theologische Untersuchung anhand einschlägiger Quellen. In: Schneiders, G. T. (Hg.): Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. 2010, S. 153)
³. Vgl. auch die Studie von Human Rights Watch „Diskriminierung im Namen der Neutralität“ zu Kopftuchverboten, die den diskrimierenden Gehalt dieser untersucht haben.
4. A.a.O. S.153. Außerdem kann man auf der Homepage nachlesen, dass Ijtihad zu den Grundsätzen gehört, wobei ich hier nicht per se das Ijtihad kritisiere, sondern die theologische Vorgabe einer bestimmten Richtung, der sich viele nicht anschließen werden. Vgl. auch: http://islamische-zeitung.de/?id=14999


Sakine Subaşı-Piltz Doktorandin an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Sie hat Erziehungswissenschaft, Philosophie, Germanistik und Ethnologie studiert. Seit 2006 arbeitet sie zu Migration, Interkulturelle Bildung und Islam in Deutschland und Frankreich. In ihrer Dissertation untersucht sie “Feministische Selbstkonzepte von türkeistämmigen, muslimischen Frauen in Deutschland und Frankreich im Generationenverlauf”.

Linktipps #34. KW

medienelite

Warum Migrant_innen rassistisch sein dürfen. Aber nicht zu viel.

Heute morgen las ich diesen Artikel von Katrin Schuster, die sich berechtigterweise über die rassistischen wie klassistischen/sozial- und wohlstandschauvinistischen Biases im Artikel von Mariam Lau in der Zeit echauffiert. Da es ja zur Zeit wieder in Mode ist, über Frauen und ihr Tun zu urteilen (statt sich mit Systemfragen zu beschäftigen) und das Wort Macht wieder ungünstige Konnotationen bekommt, passt auch der Artikel von Mariam Lau ganz gut rein. -> HIER

 

Die Wochenzeitung

Interview: Jean Ziegler “UND DAS GRAS WÄCHST

(…)Sie wollen wissen, weshalb jetzt Zehntausende in Ostafrika an Hunger sterben. Die Presse spricht von einer Klimakatastrophe. Die seit fünf Jahren anhaltende Dürre ist bloss eine von vielen Ursachen. Aber weshalb haben Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Kenia keine Nahrungsmittelreserven? Weil Spekulanten in den letzten Jahren die Agrarpreise in die Höhe getrieben haben. Diese armen Staaten können sich das Getreide nicht mehr leisten. -> HIER

 

Aviva-Berlin

Miss Li Interview und Review

Das neue Album “Beats & Bruises” der Schwedin Miss Li bedient sich warmen Retro-Sounds und tanzbarer Rhythmen und erschafft ein kleines Universum für die Überlebenden der Liebe und des Lebens. -> HIER

 

 

 

 

 

„Stress kann in Burn-out oder Depression münden“

Kristina Schlecht - Diplompsychologin aus Berlin

Von Filiz Keküllüoglu

Die Diplompsychologin Kristina Schlecht entwickelt Coachings zur Stressreduktion. Sie erklärt, wie Stress entsteht und wie man damit umgehen kann. Wenn man sich zu sehr belastet und die Signale des Körpers nicht wahrnimmt, kann der Übergang zu einem Burn-out oder einer Depression fließend erfolgen.

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Wie entsteht Stress?

Einige Situationen können jeden von uns beanspruchen. Man wird bestimmten Anforderungen nicht gerecht – seien es berufliche oder private, informationelle oder emotionale. Die ständige Anpassung an wechselnde Rollen kann uns ebenfalls überlasten. Dabei geht es nicht um objektiv belastende Ereignisse, sondern vielmehr um die eigene Reaktion darauf. Den einen belastet beispielsweise ein Auftritt vor einem Publikum stark, den anderen lässt es kalt. Dafür ist es hilfreich, das eigene Stressmuster zu kennen und solche Situationen für sich zu erkennen.

 

Was sind die Symptome von Stress?

Stress äußert sich sehr individuell. Dabei muss man zwischen akutem und chronischem Stress unterscheiden. In einer akuten Situation spüren wir Herzrasen, der Mund wird trocken; wir schwitzen oder verspüren Magenschmerzen. Hormone spielen einfach verrückt. Wenn Stress in eine chronische Phase übergeht, kann er sich als starke Müdigkeit, Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen äußern.

 

Welche Folgen hat Stress?

Auch hier ist die Unterscheidung sehr wichtig. Akuter Stress kann sehr anregend und motivierend wirken, etwas in Angriff zu nehmen. Es ist evolutionär bedingt: In einer bedrohlichen Situation (oder Stress) wird Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, der uns zum Handeln anregt. Oder wer kennt den Flow nicht? Man fühlt sich energiegeladen und kann so vieles schnell anpacken, was unter stressfreien Umständen nicht so gut klappt. Doch zu viel Stress kann zu chronischen Reaktionen führen, wie Erschöpfung und Lustlosigkeit. Schließlich kann chronischer Stress in Burn-out und Depression münden.

Auch auf der physiologischen Ebene wirkt sich chronischer Stress sehr negativ aus. Studien haben ergeben, dass die durch Stress entstandene Energie nicht abgebaut und das Immunsystem geschwächt wird. Das kann sogar zu Krebs führen. Die Ungleichheiten im vegetativen Nervensystem begünstigen weiterhin Infarktrisiko und wirken negativ auf den Magen-Darm-Trakt aus.

 

Wie ist Stress von einer Depression zu unterscheiden?

Grob kann man eine Depression als eine Folge dauerhafter Beanspruchung sehen. Doch nicht bei allen kommt es zu einer Depression. Bei der Entstehung depressiver Symptome reicht der Stress allein selten aus. Eine gewisse Sensibilität oder Vulnerabilität im wissenschaftlichen Jargon muss gegeben sein. Menschen, die diese Sensibilität in sich haben, sind mehr gefährdet, eine Depression zu bekommen. Beispielsweise hat eine pessimistische Weltsicht in ruhigen Zeiten vielleicht einen gewissen Charme. Doch wenn nicht alles rund läuft, verschlimmert der Pessimismus die Situation und versperrt einem die Möglichkeit, die Situation zu bewältigen. Was diese ausmacht, ist sehr individuell, das auf erlernte Reaktionsmuster und Einstellungen zurückzuführen ist.

 

Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit 4150 Beschäftigten ist nur jeder Siebte zufrieden mit seinem Job und ein Drittel bewertet seinen Arbeitsplatz sogar als „schlecht“. Welche Auswirkung hat die Unzufriedenheit mit dem Job auf das Wohlbefinden?

Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz und den Arbeitsprozessen kann zusätzlichen Stress verursachen. Manche Autoren bezeichnen diese Art der Unzufriedenheit sogar als erstes Anzeichen des Burn-outs. Und ein Burn-out wirkt sich bekanntlich sehr negativ auf unser Befinden aus. Wir sollten mit dem Begriff natürlich sehr vorsichtig umgehen, denn nicht jede kritische Phase im Leben ist krankhaft. Erst wenn man eigene Bedürfnisse stark vernachlässigt und kaum zur Erholung kommt, idealistische Vorstellungen von dem eigenen Job hat und letztendlich enttäuscht wird, dann hat Burn-out ein leichtes Spiel.

 

Wie unterscheidet sich Stress zwischen Männern und Frauen? In welchen Situation sind die einen und in welchen die anderen eher gestresst?

Stresserleben ist höchst subjektiv. Doch man konnte feststellen, dass sich Frauen eher schneller für emotional erschöpft bezeichnen als Männer. Dabei distanzieren sich Männer schneller von ihrem sozialen Umfeld, wenn der Stress sie überwältigt. Solche Tendenzen kann man allerdings auch an durch die gewohnte Rollenverteilung erklären: Frauen dürfen Emotionen zeigen, aber sollten weiterhin sozial verträglich bleiben, wobei bei Männern das Umgekehrte akzeptiert wird.

 

Welche Methoden gibt es, um mit Stress umzugehen?

Ein verbreitetes und bewährtes Vorgehen bei Stressbewältigung ist der Ressourcen-Ansatz. Man geht davon aus, dass der Mensch alle Lösungen und Ressourcen für den Umgang mit unerwarteten, tragischen oder lästigen Ereignissen bereits hat. Diese müssen nur systematisch aktiviert werden.

Wenn der Stress im überschaubaren Umfang unser Leben beeinflusst, kann Selbsthilfe noch sehr nützlich sein. Dafür sollte man mit der Selbstbeobachtung anfangen und eigene Stresssituationen und Reaktionen erkennen. Dafür sind niedrigschwellige Interventionsmaßnahmen sehr geeignet. Ihr Vorteil ist, dass sie für alle zugänglich sind. Um diese in Angriff zu nehmen, müssen keine großen Hürden überwunden werden – wie es der Fall bei einer Psychotherapie sein kann. Zu den typischen niedrigschwelligen Interventionen gehören Ratgeber, Selbsthilfe-Bücher oder internetbasierte Programme.

Online-Programm, wie zum Beispiel der HausMed Coach Stressfrei, sind insbesondere hilfreich für Personen, die in sich noch den Antrieb verspüren, alleine mit ihrem Stress umgehen zu können. Oft reicht es für sie, dass sie genau auf ihre Bedürfnisse angepasste Informationen und Hinweise erhalten und Übungen ausprobieren, die ihr Potenzial zum Stressmanagement fördern. Die Grundlage eines gezielten Stressmanagements bildet eine umfassende Stress-Analyse. Internetbasierte Coaches können durch gezielte Übungen einem dabei helfen, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wo liegen die Ursachen meiner Belastung? Wie kann ich mit dieser Belastung umgehen bzw. sie überwinden?

Bei fortgeschrittenen Stress-Stadien sind niedrigschwellige Maßnahmen in der Regel nicht ausreichend. Oft ist es notwendig, Empfehlungen vom Arzt einzuholen oder einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Bei Stress-Folgen wie Burn-out oder Depression ist bereits professionelle Hilfe erforderlich.

 

Weitere Infos:

Stressbewältigungsmaßnahmen: Coaching/Supervision oder Beratung in Lebenskrise
Selbsthilfe: Durch Online-Programme z.B. HausMed Coach Stressfrei
Literatur: “Stress im Beruf? Wenn schon, dann aber richtig!”
Psychotherapie: Therapeuten-Suche online: http://www.bptk.de/service/therapeutensuche.html

Ein Geschenk zum Ramadanfest für die Kleinen und Großen

Von Eren Güvercin

Der Freiburger Verleger Ahmad Milad Karimi hat vor kurzem den Salam Kinder- und Jugendbuchverlag gegründet. Schon innerhalb kurzer Zeit hat er wundervoll illustrierte und geschrieben Kinderbücher herausgebracht. Wie bei jedem Verlag kann er aber nur weiter solch tolle Arbeit leisten, wenn die Bücher auch verkauft werden.

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Wir befinden uns jetzt im Fastenmonat Ramadan, und es ist auch für die muslimischen Kinder eine besondere Zeit. Sie warten sehnsüchtig auf das Ramadanfest und die Geschenke, die sie von ihren Eltern, Bekannten und Verwandten bekommen werden. Süßigkeiten gibt es immer. Aber dieses Jahr sollte vielleicht jeder versuchen einem Kind in seinem Umfeld oder auch seinen eigenen Kindern neben Süßigkeiten ein Buch aus dem Salam Verlag zu schenken.

Man tut nicht nur etwas Gutes für das Kind, sondern sichert so auch die Arbeit des Salam Verlags.

Ganz besonders empfehle ich dabei Nadia Doukalis Kinderbuch “Muhammad, Prophet des Friedens”. Das Buch von Nadia Doukali wurde im Rahmen einer Ausschreibung vom Salam Verlag von einer nahmhaften Jury mit dem ersten Preis ausgezeichnet. In der Jury saßen neben dem Verleger Ahmad Milad Karimi, Prof. Bülent Ucar, Ayman Mazyek auch der bekannte Schriftsteller Feridun Zaimoglu.


InhaltMuhammad, Prophet des Friedens

Was weißt Du über den Propheten Muhammad? Wer war Muhammad? Wie hat er gelebt? Was war seine Botschaft? Wie wurde ihm der Koran offenbart? Diese und andere Fragen werden in diesem Buch spannend und liebevoll erklärt. Der kleine Schams mit seinen wilden Locken und seiner kindlichen Neugier erlebt Muhammad und lernt ihn zu lieben. Ein Buch mit wunderschönen Illustrationen und Kalligraphien, lustigen Tieren und starken Charakteren, die sehr viel Spaß machen und uns nahe bringen, warum Muhammad, Prophet des Friedens ist. Das Buch von Nadia Doukali wurde von einer prominenten Jury mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Nadia Doukali *1971 in Marrakesch. Sie ist Kinderbuchautorin und lebt mit ihren beiden Söhnen in Frankfurt am Main. Die gebürtige Marokkanerin pendelt zwischen der Mainmetropole und ihrer Heimatstadt, um sich Inspiration für ihre märchenhaften Bücher zu holen. Sie schreibt Geschichten für und über Kinder, die besonders sind und sich in ihren Geschichten wiederfinden.

Muhammad, Prophet des Friedens – von Nadia Doukali
ISBN 978-3-9
813943-6-6
€ 14,95

Erhältlich im Buchhandel oder unter Amazon.


LINKTIPPS: #33. KW

Survival

Beweise ‘vertuscht’: Öl-Pipeline im Amazonas genehmigt

Eine 200 km lange Pipeline im Amazonasgebiet wurde kürzlich genehmigt, obwohl um das Gebiet noch immer eine Kontroverse tobt: Beweise für die Existenz unkontaktierter Indianer sollen ’”vertuscht” worden sein.

Die Pipeline ist Teil eines Projektes des französischen Öl-Unternehmens Perenco, das damit Öl im Wert von $35 Milliarden US-Dollar von Block 67 zur pazifischen Küste transportieren will. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf $350 Millionen US-Dollar.-> Hier

 

zenith

Das Anti-Revolutionspaket

Von Marokko bis Iran versuchen Behörden, die digitale Kommunikation ihrer Bürger zu steuern. Das Bedürfnis nach Regulation und Sicherheit ist ein Geschäft, an dem viele Unternehmen gut verdienen. -> Hier

 

ein fremdwörterbuch

Ein bisschen zu nuttig

Ich wäre auf den Slutwalk gegangen, wäre ich nicht im Ausland. Zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Männer hätte auch ich gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosungen von Vergewaltigungen protestiert – gegen Entschuldigungen. Nicht weil ich mich gern – was auch immer das heißen mag – schlampig anzöge, sondern weil dort gegen ein Problem unserer Gesellschaft demonstriert wird: Wir hegen Sympathie für die Täter und beschuldigen gar die Opfer. -> Hier

 

Comedy

Star Stories

Humorvolles rund um die Stars. Wer die “wahren” Biografien dieser Trendsetter sehen möchte sollte sich die Comedyreihe Star Stories aus England nicht entgehen lassen.

Von Victoria und David Beckham, Madonna, George Micheal über Take That bis Cathrine Zeta Zone und Micheal Douglas und viele mehr. -> Hier

DVD-TIPP: Road, Movie

Von Sarah Khayati

Ein Filmklassiker neu verpackt. Road Movie von Dev Benegal.

Man könnte jetzt natürlich alle Klischees zitieren, die so ein Film mit sich bringt: Der Protagonist sucht – bisher vergeblich – seinen Platz in der Gesellschaft. Den Familienbetrieb möchte er nicht übernehmen, alles wird ihm zu eng. Der Sinn des Lebens erschließt sich ihm letztlich aber doch. Und zwar auf einer vergnügt-skurrilen Autofahrt quer durch das ganze Land. In diesem Fall Indien. So, und nicht anders hat ein Roadmovie nun mal auszusehen. [Read more...]

Man könnte jetzt allerdings auch schwärmen: Von Indien, dessen atemberaubende Landschaft im klassischen Bollywoodkino nur selten in solch warmen und schwelgerischen Bildern festgehalten wird. Von den liebe- und humorvoll gezeichneten Charakteren, die trotz aller widerfahrenen Absurditäten nie ins Lächerliche abgleiten. Und von dem zweifelsohne geglückten Versuch, den Zuschauer bei allem fröhlichen Unterhaltungswert des Films einen authentischen Blick auf das junge Indien und seine Suche nach Identität werfen zu lassen.

Zum Start der DVD ROAD, MOVIE verlosen Gazelle und Senator Entertainment zwei Exemplare des Films auf DVD.

Einfach eine Email an info@gazelle-magazin.com. Betreff: ROAD MOVIE. Einsendeschluss ist der 5. September 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Wie ein Bollywoodidol eine Seele rettete

Von Suzanna Zinn

Auszüge aus dem autobiografischen Buch “Mein Leben und Shahrukh Khan”

Mein Leben zwischen Islam und Christentum

Ich bin im Kosovo in einer Familie aufgewachsen, in der sich zwei Religionen und Kulturen bekämpften. Meine Mutter ist serbische Christin, mein Vater war albanischer Muslime.

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Sie kamen aus Familien und Traditionen, die sich gegenseitig verachteten. Mir hat der Hass innerhalb der Familie meine Kindheit und Jugend vergiftet. Für uns Kinder war es besonders leidvoll, weil wir es nicht verstanden.

Wir gehörten nirgendwo dazu, wurden oft von beiden Seiten missachtet und niemand versuchte, uns das zu erklären. Seit vierundzwanzig Jahren lebe ich in Deutschland, wo sich der Konflikt in einer weitgehend säkularen Kultur abspielt, was zusätzlichen Zündstoff liefert. Ich habe hier beruflich schnell Fuß gefasst und arbeite seit 17 Jahren in Mainz als Endprüferin in einer Firma, die pH Elektroden für Messgeräte herstellt.

Die Freiheit, die mir diese berufliche Selbstständigkeit eröffnete, konnte ich privat nicht umsetzen. Viel zu lange blieb ich in einer fatalen persönlichen Bindung gefangen. Ich unterwarf mich patriarchalischen Werten der muslimischen Kultur und habe mich dabei selbst zerstört. Fast wäre diese ‚Leidenschaft’ tödlich ausgegangen.

In dieser bedrohlichen Lebenskrise habe ich begonnen, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Das half mir, dieser Selbstzerstörung bewusst zu werden und mich daraus zu befreien.

Jetzt erkenne ich auch, was an meinen persönlichen Konflikten der gesellschaftlichen Situation geschuldet ist. Meine Lebensgeschichte ist sicher beispielhaft für die Lebenssituation vieler Frauen, die versuchen zwischen ihrer Religion und dem modernen Leben in Deutschland Kompromisse zu finden oder daran zerbrechen.

Inzwischen habe ich gelernt, mit beiden Kulturen und Religionen zu leben. Ich versuche mir die Konflikte zu erklären, zu verstehen, warum sie sich immer wieder bekriegen.

Trotzdem wird mein Leben auch heute noch von Unverständnis und Hass zwischen den Religionen und Kulturen beschwert.

Der indische Schauspieler Shahrukh Khan, den ich sehr verehre hat mir mit seinem Vorbild geholfen, meine Lebenskrise zu überwinden. In einem Interview anlässlich seines neuesten Filmes „Mein Name ist Khan“ sagt er zum Thema Religion und Politik folgendes:

„Politik wird vor dem Hintergrund von Religion ausgefochten… Die Methode ist Angst. Man schürt die Angst vor dem Anderen, Fremden. Jede Glaubensrichtung funktioniert so, und damit meine ich nicht nur den Islam oder das Christentum…Was also sollen wir tun? Ich denke, der erste Schritt müsste sein, dass beide Seiten der jeweils anderen erklären, wie und was sie denken und glauben. Muslime sollten dem Westen ihren Standpunkt klarmachen. Sie sollten erklären, dass Dschihad nicht meint, Menschen zu töten. Wir brauchen mehr Verständnis füreinander.”

Da ich diese Konflikte selbst durchleben musste und mit beiden Religionen und Kulturen vertraut bin, kann mein Buch vielleicht ein wenig zu diesem Verständnis zwischen den Kulturen und Religionen beitragen.

Leben im Kosovo: Eine Familie – zwei Religionen

Wir waren die Einzigen im Dorf im Kosovo, bei denen die Feindschaft zwischen den Religionen mitten durch die Familie ging. Unseren Eltern ist es nicht gelungen, diesen Konflikt für uns Kinder zu mildern, im Gegenteil, er wurde in unseren Seelen ausgefochten. Beide waren unglücklich. Der Traum meines Vaters vom besseren Leben an der Seite einer Serbin hatte sich nicht erfüllt. Für meine Mutter war die Ehe mit meinem Vater ein sozialer Abstieg und wir Kinder haben ihr Elend vergrößert.

Meine Eltern warfen sich ihr Unglück gegenseitig vor und wir Kinder waren kein Trost, wir waren die Früchte ihrer Zerrissenheit, des gemischten Blutes und gemischten Glaubens. (…)

Meinen Vater habe ich viel zu verdanken. Ihm war es sehr wichtig, dass wir gut lernten. Er meinte, Bildung sei für uns die einzige Chance, aus diesen ärmlichen Verhältnissen auszubrechen. Das war sein Traum, den er sich selbst nicht erfüllen konnte.

Er beschloss, dass ich und meine Schwester zur weiterführenden Schule gingen und das Abitur machte. So hat er mich davor bewahrt, das übliche Schicksal der muslimischen Mädchen auf dem Lande zu teilen, bereits als Kind an einen Ehemann verkauft zu werden und dessen Willkür ausgesetzt zu sein.

Es war sein Stolz, sich als Muslim damit gegen die Traditionen seiner Kultur zu stellen.

Mein Vater war auch sehr streng. Manches wurde uns mit Schlägen beigebracht. Ordnung, Disziplin, Fleiß, Sauberkeit und Pflichterfüllung gelten ja als christliche und als typisch deutsche Tugenden. Ich habe sie von meinem muslimischen Vater im Kosovo gelernt. Sie sind mir in Deutschland sehr zugute gekommen.

Heute bin ich froh, dass ich drei Sprachen beherrsche und mich in zwei Religionen auskenne. Jetzt empfinde ich das als Reichtum. Als Kind und Jugendliche wäre es jedoch leichter für mich gewesen, mich einer Religionsgemeinschaft zugehörig zu fühlen und von ihnen anerkannt zu werden.

Leben in Deutschland in „Zwischenwelten“

Als ich noch in Kosovo lebte, dachte ich, der Hass sei eine Frucht der Armut und der Ungerechtigkeit, die Christen lebten besser als die Muslime.

Ich kannte weder die Bibel noch den Koran. Religion war für mich das, was meine christliche Mutter und mein muslimischer Vater uns in eifersüchtiger Konkurrenz beibringen wollten.

Aber in Deutschland wurde es mir noch schwerer mit meinen beiden Religionen zu leben, weil ich zwischen alle Fronten geriet: die Muslime verurteilten mich, weil ich als arbeitende und allein lebende Frau verdächtig wurde, unmoralisch zu leben.

Meine Landsleute fühlten sich kritisiert, weil ich die deutsche Kultur und die Deutschen verteidigte. Und den Deutschen war ich als Muslime verdächtig.

Wenn mich in meinen ersten Jahren Deutsche als Ausländerin erkannten, wurde ich immer gefragt, woher ich komme. Vor dem Krieg antwortete ich, aus Jugoslawien, was immer freundlich aufgenommen wurde. Aus Slowenien oder Kroatien, war die nächste Frage. Wenn ich sagte, vom Kosovo, verdunkelten sich die Mienen. Also bist du muslimische Albanerin, insistierte man streng und wenn ich das bejahte, wurde man sehr unfreundlich: „Was willst du hier, ihr kommt mit eurem Glauben, euren Kopftüchern und wollt nur unser Geld.“

„Nein, nein so ist es nicht, beeilte ich mich zu sagen, ich komme von Kosovo bin aber keine Muslime. Ich habe Sie nur falsch verstanden, weil ich kann nicht so gut deutsch, mein Vater ist Serbe von Kosovo und mein Mutter ist auch Serbe aber aus Montenegro, ich habe Abitur in Kosovo gemacht und arbeite hier in Deutschland, bin nicht verheiratet und finde die Deutschen sind gut.“ Dann wurden sie wieder freundlich, erzählten mir von arbeitsamen Serben, die sie kennen und luden mich gar ein, sie zu besuchen.

Kein Moslem würde sich verleugnen, aber ich wollte mich nicht so verletzten lassen. Außerdem gehörte ich ebenso zu den von Deutschen so geschätzten arbeitsamen Serben. Und das nutzten sie auch gern aus. Überall wo ich wohnte und meine Miete bezahlte, habe ich sämtliche Haus -und Gartenarbeiten kostenlos übernommen.

In meiner Firma habe ich jetzt erst nach 17 Jahren zufällig erfahren, dass ich sehr viel weniger verdiene als meine deutschen Kollegen. Und alle meine Kollegen bestätigen, dass ich am fleißigsten und effektivsten arbeite, oftmals für andere mit. „Ja, kein Mensch hat Sie gezwungen, so viel zu arbeiten“, entgegnete mir mein Chef, als ich ihn zur Rede stellte. Das stimmt, aber ich wollte schließlich nicht als typisch faule Muslima beurteilt werden.

Aber auch mein Fleiß und meine Deutschkenntnisse schützen mich nicht immer davor, als arbeitsscheue Ausländerin behandelt zu werden. Manchmal verbergen sich Unverschämtheiten auch hinter Scherzen, so bei meinen Kollegen zum Beispiel. Während des Ramadans sagten sie zu mir: „Geh doch auf die Toilette essen, da ist es dunkel, wenn du kein Licht anmachst.“

Wenn es Weihnachtsgeld in der Firma gab, meinen sie: „Du brauchst ja keins, du hast doch gefastet.“

 

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Wir verlosen zudem ein Exemplar. Bitte lassen Sie bis zum 31.08.11 eine Email an info@ gazelle-magazin.com zukommen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Brian Lopez – Zeitgemäße Universalmusik aus Tucson

Brain Lopez (c) Krysta Jabczenski

Von Osia Katsidou

Musikalisch kategorisieren kann man Brian Lopez nicht, zumindest nicht mit traditionellen Begriffen. Denn Brians Debütalbum Ultra liefert klangliche Eklektik. Der Einsatz lateinamerikanischer Instrumente, Westernrock-Elemente, sauberer Akkorde der Akustikgitarre, wendiger Indie-Sounds und ganz viel Opulenz macht es unmöglich im Musik-Fachhandel das Album in eine bestimmte Abteilung einzusortieren. Das nachvollziehbarste wäre da vielleicht das Genre Weltmusik, allerdings wird es mit dieser Kategorie immer etwas schwierig. Denn wer jetzt an unrhythmisch klatschende, barfuß tanzende, in bunte Gewänder gekleidete Weltverbesserer denkt, tut dem Album und dem gesamten Genre ganz viel Ungutes.

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Damit wäre es also an der Zeit der Weltmusik mal die Evolution zu gönnen, die jedem anderen Musikgenre bereits mehrfach zuteilwurde. Brian Lopez‘ Debütwerk hat das Potential dafür richtungsweisend zu fungieren, mit einer modernen, globalisierten Perspektive und ganz viel glaubwürdiger Musikalität. Die hat Brian in seiner klassischen Ausbildung an der Musikhochschule entwickelt. Zudem spielte er in einem Prog-Rock Trio namens Mostly Bears und einige Jahre in einer Mambo-Kapelle. Mit dieser musikalischen Laufbahn ist es kein Wunder, dass das Album so viele Kontraste liefert.

 

Das ist irgendwie auch Ausdruck meiner Persönlichkeit. Ich bin ein Chaot und lasse mich von den unterschiedlichsten Dingen inspirieren, auch kulturell.“

Damit meint Brian seine Spanisch/Mexikanisch/Polnische Herkunft aber auch seine Reisen durch Europa, die ihn geprägt haben und seinen Sound beeinflussten. Am prägnantesten an diesem Ausnahmekünstler ist wohl seine Stimme, die in den hohen Tönen ganz viel Wiedererkennungswert bietet und in den sanften ein wenig an Chris Martin erinnert. Vor einigen Wochen teilte er sich die Bühne des Berliner Hauses der Kulturen der Welt mit der alternativen Countryband Giant Sand, die in Brians Heimat Tucson, Arizona als Legende gelten, und überzeugte das deutsche Publikum des Wassermusik Festivals 2011 mit seinem progressiven Universal-Sound.

 

Brain Lopez - Ultra

Brain Lopez - Ultra

Brian Lopez – Ultra erscheint am 23.09. bei Le Pop/Groove Attack

 

 

 

 

 

Kleine Kostprobe:

LINKTIPPS # 31.KW

ARTE – Eine Detektivin für Botswana

CSI Miami und konsorten war gestern. Ab sofort gibt es jeden Donnerstag eine neue spannende Serie zu sehen. Eine Detektivin für Botswana läuft auf Arte underzähltz von Precious Ramotswe. Eine stolze, unabhängige und mutige Frau, die einen Traum hat: Sie will in Gaborone, der Hauptstadt Botswanas, das erste und einzigartige, von einer Frau geleitete Detektivbüro “The No.1 Ladies’ Detective Agency” eröffnen.  -> Hier anschauen.

 

ARTE – Ramadan

Wie die Fastenden den Ramadan erleben, zeigt eine Videoserie beim deutsch-französischen Sender ARTE. “Ramadan: Die Stunde der Dattel”, eine Webserie von Rachid Djaïdani zeigt Muslime aus Frankreich . -> Hier anschauen.

 

Philibuster

Zum Thema Norwegen

Rechtspopulismus wurde nicht #iminternetgeboren

Die Attentate von Norwegen und das dazugehörige schriftliche Begleitwerk seien in Wahrheit “im Internet geboren“, so Hans-Peter Uhl. Aha. Und wo erblickte dann der europäische Rechtspopulismus das Licht der Welt? -> MEHR