Fashion Week Berlin: Vom Mut zu simpler Reinheit und Unabhängigkeit

Hien Le (c) by www.8millimedia.com

Von Quynh Tran

Berlin bewegt sich. Aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist die Hauptstadt im Begriff sich zu finden, nicht als eine Diva die krampfhaft Metropole werden will, sondern vielmehr als eine Oase, die natürlicherweise durch unterschiedlichste Impulse erblüht.

Eben dieser Transformationsprozess, die Einzigkeit und Diversität der Stadt, hat sich in der Berlin Fashion Week, die seit 2007 in Berlin stattfindet, widergespiegelt. Neben etablierten Traditionshäusern wie Escada und Hugo Boss reihen sich junge Designer aus aller Welt, die in Berlin ihre Heimat gefunden haben. Augustin Teboul, Issever Bahri und Hien Le, die drei Gewinner des diesjährigen „Start your Fashion Business“-Wettbewerbs zeichnen sich durch einen „eigenen Stil“ aus und spiegeln die „verschiedenen Facetten der Berliner Modelandschaft wieder“, so die Jury.

 

Stille Sprache, schlichte Schnitte und Familiengeschichte

Und tatsächlich zeigen die drei Labels die Kontraste der Stadt:

Annelie Augustin und Odély Teboul, die an der ESMOD Paris studiert haben, benutzen die Mode wie eine „stille Sprache“ mit der sie schwarze Bilder subtil-gotischer Morbidität auf die Körper ihrer Modelle malen. Die beiden Freundinnen, die sich in Berlin niedergelassen haben, einfach weil es ihnen hier am besten „gefällt“, arbeiten mit schlichten Schnitten, die sie mit aufwändigen Häkeleien, die die Trägerin mehr entblößen als verdecken, vollenden.

Die Zweitplatzierten, Derya Issever und Cimen Bachri haben sich während des Studiums durch ihre Familiengeschichte als Kinder von Einwanderern gefunden. Ihre kulturellen Prägungen spiegeln sich auch in ihrer Kollektion wieder, die deutsches Design mit Elementen griechischer und türkischer Schneiderkunst verbindet.

Hien Le wiederum ließ sich von der Alltagskleidung Indochinas inspirieren, einer „fernöstlichen Interpretation europäischer Kleidung“, die sich in schlichter Eleganz ausdrückt, in anspruchsvollen, geradlinigen Schnitten aus zarter Seide und hochwertiger Baumwolle.

Die Designer reflektieren mit ihren unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, aber auch mit ihrer Eigenständigkeit das Berliner Selbstverständnis. Ebenso wenig wie die Stadt unterwirft sich die Mode einem Diktat. Trotz der Möglichkeit herauszustechen, wie bei den skulpturhaften Kreationen Iris van Herpens oder aufwändigen Abendkleidern Dawid Tomaszeskis, zeichnete sich auf der Fashion Week vor allem eines ab: die Liebe zu puristischer Schönheit.

 

Abbild realen Wohlbefindens

Berlin entzieht sich hier der Pariser oder New Yorker Konkurrenz um Extravaganz und Exzentrik. Statt um unbedingte Aufmerksamkeit zu buhlen, schafft es im Ausdruck seiner Identität, Schönheit durch raffinierten Minimalismus. Es wird nicht versucht zwanghaft zu beeindrucken, nicht Maske und Ausdruck narzisstischen Personenkults zu sein, vielmehr existiert die Mode für sich selbst und als Abbild realen Wohlbefindens. Wie bei Michael Sontag, Karlotta Wilde oder Perret Schaad, die mit ihren minimalistischen, aber hoch anspruchsvollen Kreationen einladen „Poesie und Urbanismus zu fühlen“, überzeichnet und erdrückt die Kleidung aus feinsten Naturfasern nicht die Trägerin, vielmehr befreit und unterstreicht sie sie. Hien Le bringt es auf den Punkt, er macht „einfach das, was er am schönsten findet“ – einfach das, was ihn selbst am besten zeigt.

Die Berliner Mode ist, wie Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp es bezeichnet, „eigenständig, tragbar und zugleich avantgardistisch“. Und gerade die Indifferenz gegenüber der eigentlichen Kapriziosität dieser Industrie zeugt – ganz im Sinne von Coco Chanels Befreiung aus dem Korsett – vom Mut zu simpler Reinheit und Unabhängigkeit.

Berlin findet sich zu sich selbst – als eine selbstbewusste, kulturell diverse und einfach schöne Stadt – und die Modelandschaft reflektiert genau das.