“Ein Praktikum ist doch nicht zum Brötchen schmieren!”

Copy Man erschienen bei EichbornVon Olivia Michalowsky

Markus Henrik, Jahrgang 1982, ist Doktorand in Berlin, holt ab und zu seine Rockgitarre heraus, liebt intelligente Witze und mag es überhaupt nicht, wenn man als Praktikant zum Brötchen schmieren verdonnert wird. Hat er selbst so erlebt. Und hinterher einen fiktiven, aber realistischen Bericht aus der Praktikumshölle verfasst: “Copy Man”, sein Debüt-Roman. Der gefiel Gazelle so gut, dass sich unsere Autorin den Ex-Praktikanten schnappte – und über seine Erfahrungen ausquetschte.

 

 

Wie kamst Du dazu “Copy Man” zuschreiben?
Ich beschäftige mich schon länger mit den Diskussionen zur sogenannten „Generation Praktikum“. Aus meiner Sicht ist der Begriff zweischneidig. Einerseits weist er zu Recht auf eine problematische Realität hin, da sich viele Absolventen von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln müssen. Andererseits hat er einen negativen Beigeschmack, weil er der Generation pauschal zu viel Passivität unterstellt. Aktuelle Studien zeigen, dass es unter uns aber wieder sehr viele gibt, die sich an Protestaktionen beteiligen und dies sehr geschickt mittels des Web 2.0 lancieren. Das alles bildet der Begriff nicht ab! Aus „Generation Praktikum“ sollte schleunigst die „Generation Protest 2.0“ werden! Das möchte ich mit „Copy Man“ vermitteln.

 

Hast Du selber schlechte Erfahrungen als Praktikant gemacht? Und was musstest Du da machen?
Insgesamt habe ich drei unbezahlte Praktika hinter mir. Eines davon in einem Musikverlag, wo ich dann unter anderem kopieren musste, Brötchen schmieren oder für Botendienste eingesetzt wurde. Der Arbeitstag war meistens sehr lang und manchmal erst nach 12 Stunden zu Ende. Allerdings hatte dieses Praktikum zumindest einen angenehmen Nebeneffekt. Ich hatte einen Schlüssel für das Gebäude, zu dem auch ein Tonstudio gehörte und konnte so nach Betriebsschluss an meiner Musik arbeiten.

 

Hast Du Dich denn mal beschwert? Schließlich warst Du ja nicht dort, um Brötchen zu schmieren.
In dem Fall war ich mit dem Abkommen einigermaßen zufrieden – das war dann sozusagen ein Nichtangriffspakt. In einem anderen Fall habe ich mich aber fast tagtäglich über die stumpfsinnigen Tätigkeitsbereich beschwert.

 

Und hat das etwas bewirkt?
Ja, die Beschwerden haben tatsächlich etwas gebracht. Mir wurden dann auch anspruchsvollere Aufgaben zugewiesen und am letzten Tag brachte der Chef mir sogar einmal den Kaffee!

Was rätst Du also den Praktikanten und solchen die es werden wollen oder müssen?

Aktiv bleiben! Wenn etwas nicht in Ordnung ist, auf jeden Fall den Mund aufmachen und auf sich aufmerksam machen. Falls das nichts bringt, und man den Eindruck hat, dass man als billige Arbeitskraft ausgebeutet wird, dann sollte man so ein Praktikum auch durchaus mal abbrechen. Das kann ein schwieriger Schritt sein, besonders wenn man darauf angewiesen ist, wenn zum Beispiel in den Studienplänen ein Praktikum obligatorisch ist. Um sich das zu ersparen, sollten sich angehende Praktikanten vorher genau informieren. Im Internet gibt es mittlerweile einige Seiten, auf denen Unternehmen bewertet und dabei abgewatscht oder empfohlen werden. Nicht alle Betriebe sind Ausbeuter! Einige haben bereits erkannt, dass auch zufriedene Praktikanten dem Firmenklima gut tun.

Glaubst Du, dass einige Leute an ein Praktikum mit falschen oder zu hohen Erwartungen heran gehen?
Das kann aufgrund mangelnder Erfahrung natürlich passieren. Generell kann ich aber verstehen, dass man hohe Erwartungen hat. Schließlich nimmt man eine Ausbildung oder ein Studium auf sich, um hinterher spannende Herausforderungen zu meistern. Das Befüllen einer Kaffeemaschine gehört aus meiner Sicht weniger dazu! Zudem ist ein Praktikum immer eine Art Investition; selbst wenn man 300 Euro bekommt, was nur selten der Fall ist, muss man die Eltern anpumpen oder es durch Nebentätigkeiten quer subventionieren. Logisch, dass man hinterher vom Praktikum auch wirklich einen Nutzen für sich sehen will!

Aber wenn man die Chance auf eine Referenz bei einem begehrten Unternehmen hat, nimmt man da nicht auch mal Abstriche in Kauf?

Die Abstriche sind dann eben meist finanzieller Natur und viele können sich so etwas nicht leisten. Dadurch sind dann wieder diejenigen privilegiert, die vom Elternhaus her gesponsert werden – also ein ganz ähnliches Problem wie beim Thema Studiengebühren. Mittlerweile gibt es auch Firmen, die für Praktikaplätze Geld verlangen. Diese Entwicklung ist besorgniserregend und darf keinesfalls unterstützt werden.

Was würdest Du dir also von den Unternehmen wünschen?
Wie gesagt, es gibt positive Ausnahmen, aber in der Breite fehlt es mir an der Wertschätzung für junge Absolventen. Die Praktikanten von heute sind die festen Kollegen von morgen! Außerdem sollten die Firmen auch aus Eigensinn besser mit ihren Praktikanten umgehen. Zum einen tragen nur zufriedene Mitarbeiter zum Erfolg einer Firma bei. Zum anderen können positive Stimmen von Praktikanten als Werbung für eine Firme dienen. Positives wie Negatives verbreitet sich heutzutage durch die sozialen Netzwerke ja wie ein Lauffeuer!

Du schreibst gerade an Deiner Doktorarbeit. Hast Du Spaß daran?
Ja, auf jeden Fall! Ich fühle mich das erste Mal so richtig als Student. Ich muss keine vorgekauten Sachen auswendig lernen, sondern kann richtig tief und größtenteils selbstbestimmt in die Materie einsteigen. Die neuen Bachelor/Masterstudiengänge sind so verschult, dass den Studenten keine Möglichkeit bleibt sich während des Studiums auszuprobieren. Man muss quasi schon direkt nach dem Abitur die Weichen für seine Zukunft stellen. Die Gefahr eines flächendeckenden Fachidiotismus in der Gesellschaft ist nicht zu unterschätzen.

Also haben die Änderungen eigentlich gar nichts Gutes gebracht?
Es ist bestimmt nicht alles schlecht. In Europa brauchen wir einheitliche Standards. Jedoch sind diese engen Korsetts und dass jede einzelne Leistung benotet wird, einfach übertrieben. Ebenso das Tempo was von den Studenten verlangt wird. Wer nebenbei arbeiten muss oder wen auch mal eine persönliche Krise erfasst, der kommt schnell unter die Räder. Burnout-Syndrome sind unter Studenten keine Seltenheit! Auch wenn sich die Klischees zu den „langhaarigen Langschläfern“ in der Gesellschaft wacker halten: so entspannt ist das schon lange nicht mehr.

Wirst in absehbarer Zeit ein weiteres Buch schreiben?
Ganz gewiss. Das macht unglaublich viel Freude, auch wenn es immer eine sehr mühsame Arbeit ist.

Verrätst Du mir auch, was das Thema Deines neuen Buches sein wird?
Da hätte ich mehrere Ideen momentan. Aber es soll wieder unterhaltsam und gesellschaftlich-politisch relevant sein. Das ist mir generell wichtig, bei allem was ich mache.

Also machst Du Unterhaltung mit Gehalt?
So weit würde ich auch wieder nicht gehen (lacht). Nein, im Ernst. Das sollte am besten das Publikum entscheiden. Auf der Bühne strebe ich jedenfalls eine moderne Kabarettrichtung an. Und da darf einem auch schon mal das Lachen im Halse stecken bleiben. Das kann man dann aber auch wieder mit Bier herunterspülen, sobald ich die Rockgitarre raushole. Selbst bei meinen Lesungen ist die immer dabei!

Und wann wird nun was Neues von Dir erscheinen?
Der nächste Roman dürfte etwa 2012 erscheinen.

Das ist aber noch lange hin!

Ja, so ein Roman braucht seine Zeit. Bis Copy Man fertig war, hat es 14 Monate gedauert. Es fallen einem zwischendurch immer neue Dinge ein, die eingearbeitet werden wollen. Übrigens, kurz nach dem Copy Man fertig war, rief mich eine Freundin an, die das Buch natürlich noch nicht kannte und erzählte mir von ihrer Probearbeit. Sie hat sogar 6 Wochen unbezahlt gearbeitet und die Stelle nicht bekommen. In Copy Man hatte ich mich für 2 Wochen Probearbeit entschieden. Die Realität ist härter als die Fiktion.

 

Markus Henrik, Jahrgang 1982, studierte Populäre Musik und Medien und lebt heute in Berlin und Bochum. Anfang des Jahres veröffentlichte er seinen Debütroman „Copy Man“. Wenn er keine Bücher oder an seiner Doktorarbeit schreibt, macht er Musik, Video-Blogs und Radiokolumnen. Musik und Videos von Markus könnt Ihr Euch auf seiner Homepage www.markushenrik.de anhören und anschauen.