Kinotipp: Me too – Wer will schon normal sein?

Von Eleonora Roldán Mendívil

Wie eine Liebesgeschichte beworben, entpuppt sich der neuste Film vom Álvaro Pastor und Antonio Naharro als eine Mischung zwischen Drama und Komödie – mit einem zentralen Thema: die Liebe und ihre sichtbaren und unsichtbaren ‘Grenzen’. Es geht um Leidenschaft, Gefühl, Selbstbestimmung und den täglichen Kampf von nicht in die ‘Norm’ passender Menschen.

Daniel (Pablo Pineda), ein Akademiker, der mit Auszeichung sein Studium abgeschlossen hat, ist 34 Jahre alt und fängt gerade seinen neuen Job in einem staatlichen Büro für ‘behinderte’ Menschen an. Hier trifft er auf seine Kollegin Laura (Lola Dueñas), eine, trotz vieler Verehrer und wechselnder Liebhaber, sehr einsamen Frau, welche mit den Brüchen eines konservativen Frauenbildes – sie arbeitet, lebt alleine, raucht überall, geht viel aus – fast revolutionär wirkt.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelt sich zwischen dem feinfühligen Daniel und der rebellische Laura eine intensive Freundschaft. Sie unterhalten sich viel, lachen gemeinsam, fahren an den Strand. Doch als klar wird, dass dies mehr als nur eine Freundschaft ist, schreckt die unkonventionelle Laura plötzlich zurück. Auf einmal sind die Normen und die Blicke der Anderen spürbar, die sie gekonnt überspielt oder ignoriert hatte.

Die Beziehung zwischen einem Menschen mit 46 und einem Menschen mit 47 Chromosomen scheint für ihre Kollegen und Daniels Familie undenkbar. Denn nur ein zusätzliches Chromosom macht Daniel gesellschaftlich und teilweise sogar rechtlich zu einem unmündigem Kind, zu einem nicht ‘normalen’ Menschen – dieses Chromosom berechtigt ihn zu einem so genannten ‘Behindertenausweis’ und macht seinen akademischen Abschluss zu einer europäischen Sensation: als erster Europäer mit dem sogenannten ‘Down-Syndrom’ schloss Daniel die Universität erfolgreich ab.

Laura gibt Daniel das Gefühl „normal zu sein“ und Daniel zeigt Laura, dass auch ihr Liebe widerfahren kann. Ein Gefühl, welches sie glaubte als Mädchen verloren zu haben. Nach und nach sickert die Wahrheit über die Vergangenheit der augenscheinlich lebensfrohen Laura durch.

Eingebettet in einer liebevollen Geschichte, in der auch die Nebengeschichten tiefgründige Botschaften vermitteln, handelt dieser bewegende Film von gesellschaftlicher Macht, eigener Bestimmung, Selbstwertgefühl und von geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze.

Was heißt ‘Einschränkung’ und was ‘Talent’? Gibt es tatsächlich ‘behindert’ geborene Menschen oder ist unsere Gesellschaft so strukturiert, dass sie Menschen in ihrer Entfaltung und ihrem Leben behindert? Wenn dieser Film es schafft, eine kleine Anregung zur Hinterfragung von diskriminierenden Gesellschaftskonzepten zu sein, dann wird es hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis diese Gesellschaft die Vielfalt der Menschen als eine Bereicherung und nicht als eine Behinderung aufnimmt.

Ab 05. August im Kino.