Hilal Sezgin im Gespräch über ihren Krimi “Mihriban pfeift auf Gott”

Von Helei Bangol

Man liest ein Buch und schafft sich so eine eigene Welt. Abhängig davon was man liest, hat man mal mehr Spielraum und mal weniger, aber nichtsdestotrotz ist es jedes Mal so, als hätte man die komplette Kontrolle über alle Figuren, über ihre Eigenschaften und über ihr Aussehen. Oft ist man glücklich, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat, der Fall ist gelöst, die Frau hat den Mann ihrer Träume gefunden, der Wunsch des kleinen Mädchens ist in Erfüllung gegangen oder der Gute hat den Bösen besiegt! Aber manchmal ist man traurig, denn der kleine Mikrokosmos, den man sich geschaffen hat, wird ab jetzt still stehen. Diese Gefühle und Momente verdanken wir Autorinnen und Autoren, wie Hilal Sezgin, die in der Lage sind etwas zu kreieren, das uns beflügelt und ermahnt. Uns bereichert und uns zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Im Gespräch mit Hilal Sezgin, Autorin des Krimis “Mihriban pfeift auf Gott” erfahren wir, was während des Schreibens in ihr vorging und wie sich die liebenswerte “Mibby” in ihren Alltag schmuggelte.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an Ihr Buch “Mihriban pfeift auf Gott” denken? Was geht Ihnen durch den Kopf, welche Erinnerungen kommen auf?

Ich erinnere mich vor allem daran, wie ich anfing, an dem Buch zu arbeiten. Ich war gerade hierher aufs Land gezogen, in die Lüneburger Heide, und die Geschichte von Mihriban spielt ja in Berlin. Aber das war eigentlich kein Problem – nur im Rückblick sehe ich das so vor mir, wie ich ständig Spaziergänge über die Felder und durch den Wald machte, während ich die Figuren ausarbeitete und die Handlung. Ich musste die Arbeit an diesem Roman immer wieder unterbrechen, weil ich ja auch Journalistin bin, und wenn es da etwas zu arbeiten gibt, muss alles andere ruhen. Ingesamt waren es wohl so drei Jahre. Und davon, wie gesagt, ganz viel spazieren gehend, gerade am Anfang. Immer wenn ich nicht weiter wusste – was sollte Mihriban als nächstes tun, oder was sollte ihr zustoßen? Ab in den Wald! Der praktischerweise direkt neben meinem Haus beginnt.

 

Ihr Buch umfasst so viele andere Themen, aber Sie lenken sowohl durch Titel-, als auch Coverauswahl den Leser auf den Islam bzw. die Religion. Warum war es Ihnen wichtig dieses Thema so hervorzuheben und es für den Leser so offensichtlich zu machen?

Weil es für mich tatsächlich eines der beiden Hauptthemen ist. Das andere ist der Verdacht, der Krimiplot, der da eingearbeitet ist, die Frage, wer schuldig ist, und woran. Und natürlich ist Mihribans persönliche Entwicklung auch ein Thema. Aber die Frage der Religion steht für mich tatsächlich sehr im Mittelpunkt. Mihriban selbst ist ja völlig areligiös, sie und ihr Bruder sind ohne religiöse Unterweisung aufgewachsen. Ihr Bruder aber hat mit ungefähr dreißig Jahren angefangen, sich intensiv mit dem Islam zu beschäftigt, er ist sehr fromm geworden, und Mihriban sieht das mit größter Skepsis. Für mich war es sehr reizvoll, dieser Frage Pro oder Contra Religion anhand dieses Geschwisterpaars nachzugehen.

 

Welche persönlichen Ereignisse bzw. Erlebnisse waren ausschlaggebend für die Entstehung der Handlung?

Persönliche eigentlich gar keine. Es waren diese erzählerischen Ideen, die mich gereizt haben. Wie gesagt, der Verdacht… Ich wollte wissen, wie wäre das wohl, wenn man jemand in seiner allernächsten Nähe verdächtigen müsste, Terrorist zu sein… Und irgendwann hatte ich dann die ungefähren Umrisse von Mihriban vor Augen, dann wollte ich deren Geschichte erzählen.

 

Inwieweit ist Mihriban Hilal Sezgin bzw. umgekehrt?

Gar nicht! Wir sind in fast allem ziemlich verschieden. Sie hat ja leider nie eine Ausbildung abgeschlossen, sie interessiert sich nicht so für Politik, dafür geht sie ganz in ihrer Familie auf bzw. in der Beziehung zu ihrem Bruder. Ich dagegen habe keine Geschwister. Das Einzige, was Mibby und ich wirklich gemein haben, ist die Sicht auf manche Dinge wie Schickeria-Design – und vor allem aufs Fernsehen. Wir schauen beide unheimlich gern fern – was sehr praktisch für mich war, so konnte ich meine Assoziationen als ihre benutzen.

 

Nach den ersten fünfzehn Seiten möchte man das Buch gar nicht mehr weg legen, da man das Gefühl hat Mihriban im Stich zu lassen. Was war Ihre Inspiration für diesen Charakter? Was genau macht Mihriban für den Leser so einnehmend?

Danke, das ist aber ein großes Kompliment! Ich finde es schön, dass Sie Mihriban mögen, denn sie hat ja auch ein paar schwierige Seiten; oder sogar nervige. Also wie desinteressiert sie an allem Politischen ist, das kann einem schon auf die Nerven gehen. Aber was ich an Mibby mag ist, ihr Humor, und sie hat oft so einen etwas schrägen Blick auf manche Dinge, vielleicht ist es das, was Sie mochten. Und: Sie entwickelt sich. Am Anfang ist sie etwas festgefahren, in ihrer blöden beruflichen Situation und als Anhängsel ihres Bruders. Aber sie kommt in Bewegung. Sie lässt sich anschubsen von den Dingen, die um sie herum geschehen, und das ist schon bewundernswert.

 

Wie oben schon erwähnt, werden in Ihrem Buch sehr viele zwischenmenschliche Themen behandelt, z.B die Beziehung zwischen Mann und Frau, Schwester und Bruder oder Eltern und Kind. Aber nicht zuletzt wird die zentrale menschliche Beziehungskonstellation, die Beziehung zwischen Mensch und Staat. Wie wichtig ist für Sie speziell diese Beziehung im Alltag?

Ich finde es interessant, dass Sie das fragen, denn es hat bisher noch nie jemand gefragt, und es ist für mich in der Tat ein wichtiges Thema. Gerade im Zusammenhang mit Kriminalromanen – was Mihriban jetzt nicht direkt ist, aber es gibt Anleihen zum Krimi. Und mein erster Roman war ein historischer Krimi, auch da hat diese Frage eine Rolle gespielt. Es gab und gibt ja viele Diskussionen um das Genre des Krimis und was ihn eigentlich so attraktiv macht; und was ich verkürzt finde, ist die Vorstellung, dass da jemand ein Verbrechen begeht, und die Staatsgewalt in Form von Polizei marschiert los und bringt alles wieder in Ordnung. So einfach ist das nicht. Ich finde es wichtig, dass man staatliche Akteure auch mit ihren Eigeninteressen und politischen Zielen im Blick behält; dass „der Staat“ nicht nur Retter ist, sondern ambivalent bleibt. Konkret geht es bei Mihriban um Internetsicherheit oder-überwachung; mich persönlich treibt das gar nicht so sehr um, vielleicht bin ich dafür einfach zu bequem. Ich schalte den Computer an und hoffe, dass er funktioniert.

 

Haben Sie Angst/Bedenken, dass der Terroranschlag, den Sie so detailliert in Ihrem Buch beschreiben, eben aufgrund Ihrer genauen Beschreibung nachgeahmt werden könnte?

Nein, eigentlich nicht. Es werden ja keine genauen Details gegeben, wie man so etwas machen könnte – Sekt vergiften. Ich habe mich allerdings schon gefragt, ob nicht die allgemeine Idee – also mit mehr „verbrecherischer Fantasie“ zu arbeiten statt mit Bomben, jemanden „inspirieren“ könnte. Dann hab ich mir überlegt: Wer liest das denn wohl? Und schließlich denke ich: In jedem Krimi und Spionageroman gibt es schlechte Vorbilder für verbrecherische Taten. Muss ich da wirklich eine spezielle Verantwortung übernehmen, nur weil ich Muslimin bin?

 

Die egoistischste Frage zum Schluß: Wird es eine Fortsetzung geben?

In der Tat habe ich Mibby im Laufe des Schreibens so lieb gewonnen, dass ich dachte, ich würde gern noch ein bisschen mehr Zeit mit ihr verbringen. Manchmal hab ich, wenn ich nach Berlin fuhr, gedacht: Oh, da wohnt sie doch! Trotzdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie noch mal über so einen Komplott stolpert wie in dieser Geschichte hier. Ich meine, sie ist ja nicht Miss Marple, die in diesem Mini-Ort lebt, wo einer nach dem anderen ermordet wird. Und ich glaube auch, Mibby ist mit den neuen Entwicklungen in ihrem Leben ganz gut beschäftigt, auch ohne dass ein neues Verbrechen geschieht und wieder alles um sie herum zusammenbricht.

 

Herzlichen Dank, Hilal Sezgin!