Ein Stammtisch in Istanbul

Von Nilgün Akinci

Unsere Autorin lebt zur Zeit in Istanbul und ist für Gazelle am Bosporus auf Themensuche. Für uns besuchte sie zwei deutsch-türkische Stammtische…

Der erste war ein Treffen in einer Szenelocation in Kadıköy, auf der asiatischen Seite. Es waren fast nur Studenten anwesend, die u.a. Deutsch-Türkisch Übersetzen und Wirtschaftsinformatik auf Deutsch studieren, außerdem einige Goethe-Institut Mitarbeiter und Austauschstudenten aus St. Gallen. Es war eine gemütliche Runde doch der Schwerpunkt der Themen verlagerte sich schnell auf die Vor- und Nachteile der jeweiligen Staatsbürgerschaften. Wie viel einfacher es die Deutschen haben, merken sie erst, wenn sie im Ausland sind, vor allem wie schwer es die türkische Korrespondenz vom Austausch hat, Visa für die EU-Länder zu bekommen. Es fehlt beim Antrag immer an etwas, sei es letztendlich das Einschulungszeugnis der Großmutter.
Marie, Martin und Musa (die wirklich so heißen) kritisieren die unterbewusste Überheblichkeit, die Europäer ihrer Meinung nach gegen andere Nationen empfinden, welche erstaunlicherweise stark bei jenen aufzutreten scheint, die nie aus ihrer Kleinstadt rauskommen. Trotz der Themen, die zum Nachdenken anregen, war die Stimmung ausgelassen und man war sich der Qualitäten der deutschen und türkischen Kultur zusammen im Einklang bewusst. Hier unter jungen Leuten fühlt man sich beiden Kulturen verbunden.

Als ich beim nächsten Treffen, dem deutschen Rückkehrerstammtisch, mit Turnschuhen aufgekreuzt bin, dachte ich für einen Moment, ich sei bei einem geheimen internationalen Elitepartnertreffen gelandet. Akademiker, 30+, treffen sich hier einmal im Monat um bei der Aussicht über die Stadt und das Goldene Horn meist geschäftliche Kontakte zu pflegen.
In seiner Rede zum Thema „50 jährige Bindung: Das Zusammenleben in Deutschland“ stellte Professor Hakkı Keskin seinen Standpunkt zur Identitätsfrage vor. Obwohl er als ein in Deutschland vorbildlich integrierter Türke gilt, muss er sich fragen, was er denn eigentlich ist. Denn die Ausgrenzung der Deutschtürken vom deutschen Staat, der die Leistungen nicht wertschätzt, lässt ihn an seiner deutschen Identität zweifeln. Er kritisiert auch, dass man trotz jahrzehntelangem Zusammenleben für einen Ausländer gehalten wird, der Staat einen nicht genügend vor Diskriminierung schützt und das man nicht als kulturelle Bereicherung gesehen wird und das, obwohl die Türken die deutsche Kultur ganz sicher mit bereichert hätten. („Jawohl!“) Zu guter Letzt kann er sich nicht voll und ganz als Deutscher und einen festen Bestandteil Deutschlands sehen, weil den türkischen Kindern und Jungendlichen nicht die gleichen Bildungschancen vermittelt werden. Applaus!
Seit 2004 veranstaltet Çiğdem Akkaya den deutschen Rückkehrer Stammtisch, da sie meint, dass man am besten mit gleichgesinnten, also Deutschtürken die in beiden Kulturen leben und ihre Vorteile kennen (deutsche Disziplin und türkische Flexibilität), arbeiten kann, weshalb diese Treffen immer beliebter werden. Für sie ist klar, dass ohne Bildung kaum ein Rückkehrer eine reale Chance in der türkischen Arbeitswelt hat.
Viele der Teilnehmer sind enttäuscht vom Leben in Deutschland und suchen in der Türkei die neue alte Heimat. Manche wollen sich einfach nicht mehr ständig beweisen oder erklären müssen oder einfach nicht mehr zu einer Minderheit sondern zur Mehrheit gehören, wie sie sagen.  In Istanbul jedenfalls sind sie mit ihren Qualifikationen mehr als willkommen.