Ein Mädchen kämpft für ihre Mutter – Regisseur Oliver Schmitz im Interview

Von Fatma Bulut

Starke Bilder und starke Gefühle. “Geliebtes Leben” (Life above all) erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Chanda (Khomotso Manyaka) aus Südafrika. Ihre kleine Schwester ist gestorben, ihr Vater ein Herumtreiber. Sie muss sich im ihre Familie kümmern, da die Mutter in ihrer Trauer zu schwach ist. Oder, so befürchtet Chanda, hat sie etwa Aids? Regisseur des packenden Kinofilms (läuft bereits) ist Oliver Schmitz. Gazelle traf ihn zum Interview.

Beim Dreh  © Senator Film
Beim Dreh © Senator Film

Oliver Schmitz © Senator Film
Oliver Schmitz © Senator Film

Herr Schmitz, der Film spielt in Südafrika, Ihrem Geburtsort. Welche Bedeutung hat das Land für Sie?

Südafrika ist ein Teil von mir. Ich habe die südafrikanischen Jahre des Schlechten und des Guten durchlebt: die Apartheid-Zeiten und den Umbruch der neuen Zeit. Das macht sehr viel in meinem Leben aus. Der Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung hat mich sehr geprägt und wird immer Teil von mir sein. Jedes mal, wenn ich nach Südafrika gehe und Filme mache, ist es wie eine Heimkehr, es ist mir sehr vertraut. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich in zwei Kulturen aufwachsen.

 

Sie widmen sich dem Thema Aids. Ein sehr tabuisiertes Thema. Gab es  diesbezüglich Probleme?

Nein. Alle Leute vor Ort haben mitgemacht und waren begeistert. Wenn jemand Vorurteile hatte, hat man sie für sich behalten. Ich glaube in der Öffentlichkeit wird viel über HIV und Aids diskutiert. Wenn man mit dem Thema persönlich konfrontiert wird, oder durch einen Fall in der Familie, dann wird es öfters verheimlicht. Aids ist eher noch auf dem Land ein Tabuthema, als in den Städten.

 

Inwieweit würden Sie sagen, dass das Tabu ein „afrikanisches Problem“ ist?

Ich würde da sehr vorsichtig sein. Ich habe den Film nicht in Afrika gemacht, um zu zeigen wie schlecht es in Afrika ist. Ich habe den Film in Südafrika gedreht, weil der Roman dort spielt und weil mir das Land vertraut ist. Man darf nicht pauschal sagen, dass HIV oder die Tabuisierung der Krankheit ein (süd-) afrikanisches Problem ist.

Der Fokus Ihres Dramas liegt auf den Kindern. Wie war es mit so einem Thema an sie heranzugehen?

Die Kinder waren echt toll. Wir haben viele Vorbereitungen mit ihnen gemacht, um ihnen Sicherheit zu geben und um eine gegenseitige Vertrauensbasis aufzubauen. Diese Kinder haben keine Hemmungen und sind sehr aufgeschlossen. Sie gehören der ersten Generation an, die ohne psychische Schäden durch die Apartheid, ohne Minderwertigkeitskomplexe oder Wut aufgewachsen ist. Wir haben viel von ihnen gelernt und sie von uns. Khomotso Manyaka (Chanda) und Keaobaka Makanyane (Esther) wollen jetzt Schauspiel studieren. Wir versuchen, sie zu unterstützen.

 

Welche brisanten Themen wollten Sie außerdem mit „Geliebtes Leben“ vorzeigen?

Ich wollte keine Welt zeigen, die unbedingt arm oder kaputt ist. Es ist einfach der normale Alltag in Südafrika, eine Nachbarschaft, die funktioniert und die für einander da ist. Durch die Figur Chanda wird gezeigt, dass die Gesellschaft Werte hat, die in der Kultur sehr wichtig sind. Es gibt einen südafrikanischen Begriff, „Unbuntu“, was soviel heißt, wie: „Jeder passt auf den Anderen auf“, keiner steht alleine.

 

Im Film geht es auch um die Freundschaft zwischen Chanda und Esther…

Chanda hat Angst. Sie sieht, was passieren kann, wenn die Eltern weg sind. Esther ist schon ein Schritt weiter, die Eltern sind an Aids-Folgen gestorben und Chanda will es nicht wahrhaben, dass ihr das gleiche Schicksal droht. Es gibt mindestens 800.000 Waisenkinder, deren Eltern an Aids-Folgen gestorben sind, das ist sehr viel. Diese Kinder können mit ihrer Situation und mit der Ausgrenzung nicht umgehen. Sie bilden ihre eigene Welt und  passen aufeinander auf.