Buchmesse Algier (Sila) 2009: Es tut sich was

ALGIER2009

ALGIER2009

Von Donata Kinzelbach

Ankunft bei Postkartenwetter und schon ganz neue Eindrücke: eine Reihe Gebetspavillons und davor ein halbwegs geschützter Bereich für die rituelle Waschung vor den Gebeten – von den Männern im Freien vollzogen, von den Frauen mit teils bewundernswerter akrobatischer Leistung im Handwaschbecken des Toilettenwagens. Ein paar bewaffnete Soldaten für alle Fälle. Jetzt hat auch die Beterei ihre Ordnung.

Wir sind hier auf Einladung des Goethe-Institus Algier, da ich seit 22 Jahren Literatur aus dem Maghreb verlege. Man holt uns ab, gutgelaunt. Wie die Eröffnung am Vortag gelaufen sei, wollen wir wissen. „Chaotisch“. Der Messestand sei ohne Regale gewesen, mittlerweile habe man sich mit institutseigenen beholfen. Stühle seien auch keine da gewesen. Aber das handhabt man hier ganz einfach: man „leiht“ sich flugs welche von irgendeinem Nachbarn, der es dann genauso tut. Alles bleibt im dynamischen Wandel, wie wir es auch vom stets sich ändernden Programm gewöhnt sind.

Auffallend ist ein immenser Andrang von Besuchern. Da das Land mit Buchhandlungen dramatisch unterversorgt ist (30 Buchhandlungen insgesamt!) und es eine Distribution via Barsortiment nicht gibt, ist die Buchmesse die einzige Chance für Endkunden, sich für das Jahr einzudecken. Der freie Eintritt sorgt dafür, dass Lesehungrige teilweise tagelange Busreisen auf sich nehmen.

Die Stände sind weniger professionell ausgestattet als in Frankfurt, aber auch hier holt man auf. Die allgegenwärtigen Marlboro- und Bananen-Kartons stören zwar westliche Ästhetik, sind aber eindeutig weniger geworden zugunsten optisch ansprechenderer Elemente.

Die „Messe-Hallen“ sind riesige Zelte, angeblich in Deutschland produziert. Bei 25 Grad Außentemperatur heizen sich diese gewaltig auf, das Geschiebe und Gedränge zwischen den Ständen tut sein Übriges. Sauna inklusive.

 

Zensur? Eindeutig ja. Es gibt ein Lesekomitee, das die zuvor einzureichenden Listen der ausgestellten Titel sichtet und die Bücher zumindest teilweise liest. Etwa 70% der Bücher sind religiösen Inhalts, und auch die Zahl der Kopftuchtragenden scheint eindeutig gestiegen. Auch wenn uns von allen Seiten das Gegenteil einzureden versucht wird. Dennoch gebärden sich die Bärtigen weniger dominant und mit weniger Imponiergehabe.

Das staatliche Kommissariat für Berber-Angelegenheiten ist unsere erste Anlaufstelle. Hier erfreuen wir uns am „Kleinen Prinz“ in Tamazir. Mouloud Feraoun, einer der bedeutendsten Berberdichter, liegt ebenfalls auf Tamazir vor. Als die Standbetreuung merkt, dass wir uns in Sachen Berber-Literatur auskennen, ist der junge Mann begeistert. Er wird uns von nun an jeden Tag mit Handschlag begrüßen, wie alte Freunde.

Der Stand vom Verlag Casbah, dem größten des Landes, ist riesig (geschätzte 50qm) und weist ein reichhaltiges Programm auf. Schwerpunkt bilden patriotische Bücher zum Unabhängigkeitskrieg, auch als großformatige Bildbände.

Herrn Scharif von Libre Algérie ist unser nächstes Ziel – immerhin war er als Aussteller in Frankfurt und ist uns von daher bekannt. Großes Hallo und süßer Saft zur Begrüßung. Seine Geschäfte laufen zufriedenstellend, erzählt er. Sein Sortiment umfasst Bücher zu Wirtschaft und Verwaltung, gefragte Themen in einem Land des Aufschwungs. In Scharifs Augen sind die Osmanen, deren Herrschaft mehrere Titel gewidmet sind, historisch verantwortlich für viele Missstände (Korruption, Tyrannei etc.) im heutigen Algerien. Beladen mit Bücherpräsenten verlassen wir seinen Stand mit dem festen Versprechen, jeden Tag wieder zu kommen.

Ein paar Stände weiter stolpere ich bei Apic in einen Novellenband mir bekannter Autoren. Mit der Verlagsrepräsentantin anregendes Gespräch und Tausch von Büchern.

Das Verlagshaus Chihab präsentiert schon Sekundärliteratur zum aktuellen Roman in Algerien.

Lesung in der Bibliothek des Goethe-Instituts. Aufmerksames junges Publikum, das an anderen Stellen lacht als deutschen Zuhörer, wie mir auffällt. Anschließend großer Ansturm auf die Handvoll Bücher, die ich nur zum Zeigen mitgebracht hatte. Offensichtlicher Bedarf, es wird sogar bestellt! Dafür, dass die Studenten monatlich nur umgerechnet 20 Euro Unterstützung vom Staat bekommen, gehen sie sehr großzügig mit ihrem Geld um – eine Folge des permanenten Büchermangels.

Bei meiner Veranstaltung zu Rezeption der maghrebinischen Literatur in DeutschlandCafé Litteraire erstaunlich großes Interesse. Moderator ist der Schriftsteller Mohamed Magani, mit auf dem Podium sitzt aber auch, für alle überraschend, Rachid Boudjedra, einer der berühmtesten algerischen Schriftsteller und Autor meines Verlages. Auch sein Auftritt gehört zur algerischen Art von „Dynamik“.  Ca. 100 Zuhörer sitzen vor uns und sind begierig auf das, was ich berichte. Es folgt eine Fülle von Fragen, so zum Beispiel nach guten politischen Autoren in Deutschland oder nach deutschen Autoren, die maghrebinische als Vorbild hätten. Anschließend Interviews mit El Watan und live fürs Berber-Radio. im

Und auch das gab es: zeitgleich fand der 1. Marathon in Algier statt. Service-Autos von Getränke-Firmen verteilen großzügig Trinkflaschen, während man auf das Eintreffen der Läufer wartet. Man hat den Eindruck, dass ein Land aufholt, und zwar auf allen Gebieten.

 

Donata Kinzelbach leitet seit 1987 in Mainz den Verlag Donata Kinzelbach mit Schwerpunkt auf maghrebinischer Literatur in deutscher Übersetzung.

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Kinzelbach Verlag

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