“Auch Muslimas sind Frauen!”

Ein Gastkommentar von Saloua Mohammed

Wenn Grenzen so sehr verschwimmen, dass Menschen ihre Würde auf eine diffuse Art und Weise abgeschrieben bekommen, und dies aufgrund ihres von Außen zugeschriebenen „andersseins“. Ein persönlicher Beitrage der Frauenrechtlerin und Menschenrechtsaktivistin Saloua Mohammed, die sich für Frauen in Not im Besonderen einsetzt und für diese eine Anlaufstelle ist.

„Ich kann nicht mehr!“, schrie sie durchs Telefon. „Ich nimm mir das Leben, Saloua! Ich kann einfach nicht mehr!“ Ihre Stimme bebte, ich sah sie förmlich vor meinen Augen zittern und weinen. Sogar ihre Angst konnte ich spüren. Sie ist noch so jung, hat kaum Angehörige hier in Deutschland und ihr Selbstbewusstsein lässt zu wünschen übrig.

„Wo bist du, Nora*? Sag mir nur wo du bist, ich finde dich und alles wird wieder gut!“, versuchte ich sie zu beruhigen, denn ich wusste, dass sie imstande war in solch einem Moment unüberlegte Dinge zu tun. „ Bitte versprich mir, dass er mich nicht findet! Er wird mich umbringen, weil ich weggelaufen bin! Er hat mir meine Kinder weggenommen! Ohne meine Kinder will ich nicht leben! Er wird meinen Eltern sagen, dass ich schlecht bin und schlimme Sachen gemacht habe! Das stimmt nicht, ich mache keine schlimmen Sachen! Glaub mir! Er … er hat mich geschlagen, seine Mutter und Vater schlagen mich auch immer! Mein Körper, er tut so weh! Ich kann nicht mehr! Ich will sterben, hörst du! “

 

 

”Gier, falsches Kalkül, Liebe oder einfach nur Naivität”

Solche Anrufe sind bei mir keine Seltenheit. Das sind genau die Sorte Anrufe die dazu führen, dass sich meine Kehle zuschnürt, und eine geballte Ladung Enttäuschung in mir hochkommt. Enttäuscht von den Eltern, die so einer Ehe zugestimmt haben; sich nicht wehren, weil sie schwächer oder ärmer sind, und keinen anderen Ausweg aus der Armut sehen; oder ihre Tochter schlecht beraten, die so verliebt ist und den Tag der Hochzeit kaum erwarten kann: Neues Land, neues Glück und nicht weiß, auf was sie sich eigentlich eingelassen hat.

Als Frauenrechtlerin und Menschenrechtsaktivistin habe ich schon einiges sehen müssen. Müssen, weil es keinen Ausweg gibt, und man sich mit den Situationen, egal wie grausam und schwer verdaulich diese auch sein mögen, auseinandersetzen muss. Die häusliche Gewalt ist zwar kein absolutes Tabu Thema in unserer Gesellschaft, jedoch verkörpert dieses Thema noch die Persona non grata unter den gesellschaftlichen Themen. Es gibt sie hier wie Sand am Meer: Frauen, die einst nach Deutschland geheiratet haben, aus Liebe oder nicht, gewollt oder nicht. Jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Und, man mag es wohl kaum glauben, sind nicht alle Frauen von ihnen muslimisch, beschnitten und nicht alle hatten eine „erfolgreiche“ Zwangsehe mit vollem Programm, von der Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht bis hin zum täglichen Schlägeritual. Was mir absolut nicht bekommt, ist das herum werfen mit Klischees, und das Denken à la Schublade. Dies führt nicht nur zu Menschenrechtsverletzungen, sondern spaltete auch Gemüter, gar die Gesellschaft.

Noras Person existiert, auch wenn der Name erfunden ist. Sie ist eine von vielen Frauen, die ziemlich jung nach Deutschland geheiratet haben. Meist sind die Gründe identisch: familiäre oder finanzielle. Gier, falsches Kalkül, Liebe oder einfach nur Naivität. Diese Frauen kommen in ein Land, dessen Sprache sie nicht mächtig sind, dessen Kultur sie nicht kennen und in dem sie kaum Kontakte oder Anlaufstellen haben. Doch müssen wir fair sein: nicht alle Frauen aus solchen Verhältnissen teilen Noras Schicksal. Es gibt durchaus Frauen, die sich diesen Weg selbst ausgesucht haben, die aus Liebe geheiratet haben und sehr glücklich in ihrer Ehe sind.

 

 

,,Trägst du immer dieses Tuch auf dem Kopf?”

Als ich Nora endlich antraf, war ihr Gesicht verweint, ihr Auge blau und ihr Blick gefüllt mit Angst und Ungewissheit. Wir fanden nach langer Suche endlich eine passende Unterkunftsmöglichkeit für sie. Es sollte erst einmal ein Gespräch mit der Unterkunftsstelle stattfinden. Ich schilderte die Situation und übersetze, da Nora nicht allzu gut die deutsche Sprache beherrscht. Dies schien der Dame, die uns empfing, zu missfallen. Ich spürte die Ungeduld in ihr, worauf ich fragte: „ Haben Sie Fragen?“ Daraufhin antwortete sie salopp: „Trägst du immer dieses Tuch auf dem Kopf? Du weißt schon, dass du in Deutschland bist? Kann es sein, dass du all diese Probleme wegen dem Tuch hast?“ Die Dame gestikulierte heftig und sprach extra laut und langsam. Ob das wohl die Qualität meiner Übersetzung steigern sollte? Nora blickte mich verwirrt an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „ Ne, se drag eens, weil dat kalt is, un isch drag eens, we isch keene Haare opm Kopp han. Un dat wa in Dütschland sin, is ma net uffjefalle. Dütsch, dat spreschn wa nur als eeschte Fremdsproch. Mammsproch, dat is Kölsch“, antwortete ich.

Sie sah mich verwirrt an. „Warum antworten Sie denn nicht, haben Sie mich etwa nicht verstanden?“, fragte ich. „Wissen Sie, wir sind hier um einer Frau Schutz zu gewährleisten. Sie wurde geschlagen, misshandelt, gedemütigt, vergewaltigt und ihre Kinder musste sie hinter sich lassen. Sie hat hier keine Familie, spricht kaum Deutsch und ist total verängstigt. Das einzige, was ihnen hier auffällt, ist das Outfit?!“ Ich wollte sofort die Leitung sprechen. Nora weinte währenddessen bitter. „ Ich hätte bei meinen Kindern bleiben sollen, die werden mir hier eh nicht helfen!“ Als wir den Raum verlassen sollten, um die Leitung der Unterkunft zu sprechen, schaute Nora die Dame, die uns empfangen hatte, an und sagte wortwörtlich: „ Du siehst Sachen. Nicht Herz. Nicht Probleme. Nicht Angst in mein Herz. Warum? Auch Muslima sind Frauen!“

Definitiv. Auch Frauen muslimischen Glaubens sind letztendlich Frauen. Es darf keine Willkür herrschen, schon gar nicht im sozialen Bereich. Wie man persönlich von Glaubensrichtungen, Kulturen oder Themen denkt, möge eine private Angelegenheit bleiben. Doch wenn Menschen in Not geraten, sollte man alle Maßstäbe, Bedenken und Vorurteile ablegen, und dem Menschen, ganz gleich ob Frau oder Mann, helfen. Ein Arzt verarztet schließlich auch alle Menschen. Wenn Menschenrechte, dann für alle!

* Name geändert

 

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Saloua Mohammed, ist Frauenrechtlerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist auch verstärkt in der Jugendszene als Streetworkerin aktiv und u.a. die Mitbegründerin des deutschlandweiten sozialen, politisch und religiös neutralen Netzwerk Lifemakers Germany. Dieses Netzwerk setzt unterschiedliche Projekte in den Bereichen: Menschenrechte, Humanitäre Hilfe, Soziales Engagement und Bildung,um.