„Ich berichte hautnah, ich bin mittendrin.“

Ashwin Raman by Ashwin Raman

Ashwin Raman by Ashwin Raman

Von Mana Alia Mohammed

Ein Gespräch mit dem Journalisten und Dokumentarfilmer Ashwin Raman über Alltag in Kriegsgebieten, Risiken bei der Arbeit und seine Reportage „Somalia – Land ohne Gesetz. Reise durch einen gescheiterten Staat“.

Somalia – Land ohne Gesetz. Reise durch einen gescheiterten Staat“ wird am Mittwoch, den 21. April 2010 um 22:45 im ZDF ausgestrahlt.

 

Es ist Mittwochmittag. Wir haben uns zu einem Telefongespräch mit dem Journalisten Ashwin Raman verabredet. Die Leitung ist frei, es klingelt kurz und dann haben wir einen Mann am anderen Ende des Telefons, der mit ruhiger und gelassener Stimme von seinen letzten Erlebnissen während seiner rund vierwöchigen Reise für eine Reportage über die Lage in Somalia erzählt.

Somalia. Vielen ist das Land am Horn von Afrika in Verbindung mit der Flugzeugentführung der „Landshut“ 1977 ein Begriff, andere denken an den Hollywood-Kriegsfilm „Black Hawk Down“ und wieder ein Großteil assoziiert das Schlagwort Piraterie mit diesem Namen. Positives gibt es tatsächlich nicht von dem derzeit als gefährlichsten Ort der Erde bezeichnetem Land zu berichten, das von der UNO als „failed state“, als gescheiterter Staat, deklariert wurde.

Ashwin Raman, Jahrgang 1946, wurde in Mumbai, Indien geboren und ist seit nunmehr fast vierzig Jahren Kriegsreporter. Das Berichten von den Krisenherden und vergessen Orten dieser Welt ist sein Spezialgebiet. Nach einem Literaturstudium begann er als Reporter für die Times of India zu arbeiten, ihn interessierten schon damals die unbequemen Wahrheiten. Er berichtete in den Siebzigern hautnah vom Bürgerkrieg in Nicaragua, später waren es Afghanistan und der Irak. Er lebte eine zeitlang in den USA, kam auf Umwegen nach Deutschland und arbeitete weiter als Journalist und schrieb unter anderem für den SPIEGEL, DIE ZEIT und die Los Angeles Times. Irgendwann begann er sich aber immer mehr auf das Filmen zu konzentrieren. Als Autodidakt produzierte er mit einer gebraucht gekauften 16 mm. Ariflex-Kamera seine erste, noch wackelige Dokumentation „With the Sandistinas“. Bis heute hat er als Ein-Mann-Team über 200 Dokumentationen gedreht.

 

Als Dokumentarfilmer ist es nicht mein Job, irgendeine Agenda zu haben

Ashwin Raman ist ein unaufgeregter Mann, dem sein Mut nicht erwähnenswert erscheint, er sehe es als Journalist als seine Aufgabe, die Wahrheit zu zeigen, unverfälscht und so, wie er sie vorfindet: „Als Dokumentarfilmer ist es nicht mein Job, irgendeine Agenda zu haben. Ich muss fair bleiben und so von den Sachen berichten, wie ich sie vorgefunden habe. Wenn ich zum Beispiel einen Regierungsbeamten treffe, stelle ich ihm meine Fragen und er antwortet. Dann gehe ich zu seinem Gegner und stelle ihm vielleicht die gleichen Fragen und er erzählt seine Version, und dann berichte ich das. Ich funke nicht dazwischen und sage, aber der hat Recht und der nicht.“

Vor seiner Reise nach Somalia betrieb er sorgfältige Recherche, suchte Kontakt zu in Europa lebenden Somalis und fand schließlich einen Kontaktmann, der ihm vertrauenswürdig erschien und der ihm half, seine Reise durch das Land,

angefangen im Süden des Landes bis nach Norden, an die Grenze zu Dschibuti, zu planen. Vier Bodyguards begleiteten Raman während seiner Reise auf Schritt und Tritt. „Sie wurden von meinen Leuten ausgesucht. Wenn die Bodyguards gesehen haben, eine Situation ist zu gefährlich haben sie mir gesagt, das geht nicht, mach’ das nicht. Sie haben sehr gut auf mich aufgepasst und mich immer geschützt.“

 

Willkommen, Sie sind der einzige zivile Ausländer in diesem Land

Ausgestattet mit einer kleinen Handkamera, einer kugelsicheren Weste und dem Namen und Kontakt seines Helfers, flog er im Herbst 2009 über Nairobi, Kenia nach Somalia. Erst am Flughafen von Nairobi traf er seinen Kontaktmann zum ersten Mal, der ihn bis nach Mogadischu begleiten würde. „Am Flughafen sahen wir uns das erste Mal, mit ihm bin ich dann weiter nach Mogadischu geflogen. Der erste Moment auf dem Flughafen von Mogadischu war schon sehr eigenartig, denn alle haben mich angestarrt. Der Zollbeamte sagte zu mir: ‚Willkommen, Sie sind der einzige zivile Ausländer in diesem Land.’ Ich hatte auch kein Visum, also wurde dann vor Ort erst einmal durch meinen Kontakt gemauschelt und irgendwie habe ich dann ein Visum bekommen.“

 

Raman konnte vor Ort die Allgegenwärtigkeit der Al-Shabaab Miliz, einer von den USA als terroristisch eingestufte islamistische Organisation mit angeblich engen Verbindungen zu Al-Kaida, und ihren zunehmenden Einfluss in Somalia beobachten. Er übernachtete während seines Aufenthalts in Mogadischu in dem einzigen noch existierenden Hotels der Stadt. Schiessereien und andere Gefechte machten das Schlafen nahezu unmöglich, zu groß war die Angst, plötzlich entführt zu werden. „Normalerweise schlafe ich sehr gut, aber in Mogadischu habe ich keine Nacht richtig durchgeschlafen. Ich war immer wieder wach. Die Geräuschkulisse, dauernde Schiessereien und so weiter. Man hatte permanent Angst, entführt zu werden. Oft dachte ich, mein Gott, hoffentlich kommt nicht Jemand und klopft an meine Tür.“

Und doch beobachtete er während seiner Reise, dass auch in einem Land wie Somalia der Alltag weitergeht. „Die Menschen helfen sich gegenseitig und besonders von den einfachen Menschen habe ich sehr viel Großzügigkeit erfahren. In allen Kriegsgebieten geht das Leben irgendwie weiter. Einerseits gibt es diese ständigen Gefechte. In ruhigen Momenten bewegen sich die Menschen auf den Straßen, du siehst Kinder, die Fußball spielen, Marktplätze auf denen die Menschen einkaufen. Es ist wie in jeder anderen afrikanischen Stadt oder Dorf. Somalia, das muss man verstehen, hat diesen Zustand seit den neunziger Jahren, mal schlecht und mal schlechter, aber immer schlecht. Irgendwann gewöhnen sich die Menschen notgedrungen an diese Situation und machen das Beste daraus.“

Was den Journalisten während seiner Reise durch Somalia besonders faszinierte und beschäftigte, war die Tatsache, dass das Einzige, das in diesem Land einwandfrei zu funktionieren scheint, das Telekommunikationsnetz ist. In Mogadischu

besitzt beinahe jede Familie ein oder mehrere Mobiltelefone. „Ich habe in einem solchen Land noch nie ein so effizientes und gut funktionierendes Telefonnetz erlebt. Wenn man beispielsweise von Deutschland aus nach Somalia anrufen würde, hört man die Person am anderen Ende kristallklar. Woran das liegt? Meine ganz eigene Vermutung und Interpretation ist, dass die Geheimdienste die ganzen Satelliten und Mobilfunkgesellschaften indirekt finanzieren, damit sie Informationen sammeln können. Denn nur so kommen sie an Informationen aus Somalia. Die Telefone sind dort sehr günstig, es sind Billigimporte aus China. Es gibt dort einen riesigen Gebrauchtmarkt für so etwas.“

Auf seiner Reise quer durchs Land sprach Raman mit allen wichtigen Protagonisten dieses von der Weltgemeinschaft fast vergessenen Konfliktes. „Mein Spezialgebiet ist die hautnahe Darstellung der Ereignisse. Erste Hand, und nicht zweite Hand. Hautnah, ich bin mitten drin.“

„Somalia“ gesteht er uns am Ende des Gesprächs, „war das bisher ambitionierteste und gefährlichste Projekt meiner Karriere.“ Herausgekommen ist eine Reportage, wie sie so bisher noch Niemand sehen konnte.

 

Die Reportage „Somalia – Land ohne Gesetz. Reise durch einen gescheiterten Staat“ wird am Mittwoch, den 21. April 2010 um 22:45 im ZDF ausgestrahlt.