Selbstständigkeit: Im Interview mit Personalmanagerin Stanka Wegen

Stanka Wegen /Klein

Stanka Wegen /Klein

Von Mana Alia Mohammed

 

Erzählen Sie uns bitte kurz etwas über Ihren persönlichen Werdegang? Sind Sie in Deutschland geboren? Wie sah Ihr Leben aus, bevor sie den Schritt in die Selbständigkeit gewagt haben?

Ich bin in Maribor, Slowenien, geboren, wuchs bei meinen Großeltern auf und besuchte dort die Schule. Da ich professionellen Leistungssport (Olympiade) praktizierte und Sprachen liebte, war mein großer Wunsch, Sport und Sprachen zu studieren. Meine Eltern befanden sich jedoch in Deutschland, so dass ich das Pädagogische Gymnasium abbrach und zu ihnen zog. Ich lernte Deutsch. Nach 2 Schuljahren absolvierte ich anschließend die Ausbildung zur Industriekauffrau. Doch diese Tätigkeit auszuüben – ein Leben lang – das war nichts für mich. Ich wollte den Umgang mit Menschen und Wissen vermitteln. Ich besuchte das Abendgymnasium und arbeitete halbtags. Nach einem Jahr wurde diese Halbtagsstelle jedoch reduziert und ich nahm wegen meines Lebensunterhalts die Stelle der stellvertretenden Chefarztsekretärin an. Nun lernte ich den ganzen Tag medizinische Terminologie und ging jeden Abend in die Schule – 3 Monate lang… bis mich Schlafstörungen einholten und ich musste mich zwischen Ausbildung und Arbeit entscheiden. Da ich finanziell auf mich gestellt war, kam für mich die Arbeit in Frage. Ich hatte zwar psychische Erleichterung erfahren, jedoch gab es in meinem Leben immer wieder Phasen, in denen ich sehr unglücklich war, weil ich nicht in meinem Traumberuf arbeiten konnte. Ich heiratete mit 27 und bekam mit 30 Jahren das erste Kind. In den darauf folgenden 10 Jahren wurde ich Mutter von 5 Kindern und praktizierte 20 Jahre Erziehungs- und Haushaltsmanagement.

Mit 50 Lebensjahren, 20 davon „zu Hause“, machte ich mich auf die Arbeitssuche. In dieser Umorientierungsphase trennte ich mich aus für mich wichtigen Gründen von meinem Mann. Mein Selbstwertgefühl war desolat und ich traute mir nichts zu. Ich hatte zwar nach der Trennung wortwörtlich nichts – doch ich hatte plötzlich eine Zukunftsperspektive, die mich durch alle Hindernisse hindurchtrug. Ich zog in die Wohnung meiner Eltern und absolvierte Ende 2005 bis Anfang 2006 ein Praktikum in einem Unternehmen für Personalmanagement und Unternehmensorganisation. Ich erledigte dort Aufgaben, die ich zuvor noch nie gemacht hatte mit einem Selbstverständnis, als ich ob dies schon mein Leben lang getan hätte. Ich staunte über mich und gewann an Mut, Selbstvertrauen und Zuversicht. Meine Offenheit für Neues und Herausforderungen war bemerkenswert. Danach wurde ich auf geringfügiger Basis für kurze Zeit übernommen und ich begann mit dem Studium „Personalmanagement“.

 

Wann und mit welcher Idee haben Sie sich selbstständig gemacht?

Ich machte mich zum 1.6.2006 selbstständig. Bis dahin war ich ein Menschentyp, der stets auf Sicherheit achtete, deshalb hatte ich zuvor nie einen Gedanken an Selbstständigkeit. Doch als Hartz-IV-Empfängerin, der zwar Unterhaltsgeld zustand, aber nicht bekam, musste ich überlegen, was für mich in Frage kommt. Auf dem Arbeitsmarkt hatte ich keine Chancen. Doch ich erlebte, dass ich auf Honorarbasis Aufträge für verschiedene Seminare im Berufsleben und Coaching für Arbeit suchende Menschen angeboten bekam. Dazu kam, dass ich immer wieder Situationen erlebte, in denen ich verschiedene Seminare zum ersten Mal leitete und eine Professionalität bewies, die mir in den Rückmeldungen der Seminarteilnehmer bestätigt wurde. Diese Tatsachen bestärkten mich und die Möglichkeit, eigenständig und selbstständig meinen Lebensunterhalt zu verdienen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

 

 

Falls zutreffend: Was war für Sie die größte Umstellung im Vergleich zur Festanstellung?

Nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, musste ich diese Tatsache erst richtig wahrnehmen. Ich weiß noch, dass ich mich anfangs entschuldigte, weil ich nicht pünktlich um 8 Uhr zu arbeiten begann. Nachdem mir einige Male versichert wurde, dass bei meiner Selbstständigkeit diese Anforderung nicht an mich gestellt sei, realisierte ich, welche Freiheiten ich in meiner Selbstständigkeit habe. Was für mich allerdings eine harte Schule bedeutete, war, dass ich bei einem kleinen Fehler, selbst die Verantwortung trug und diesen auszubügeln hatte. Auch meine Unerfahrenheit und dadurch teilweise Gedankenlosigkeit zwangen mich sehr schnell dazu, mich zu korrigieren und daraus zu lernen. Kleine Unaufmerksamkeit oder etwas zu Vergessen lehrten mich, dass es im Geschäftsleben Konsequenzen gibt. Mein Zeitmanagement musste ich gänzlich neu gestalten und planen. Ein paar Minuten zu spät zum Termin zu erscheinen war eine Schwäche von mir – pünktlich zu sein, ist auch heute mein wichtiges Ziel im Zeitmanagement. Terminplanung sowie Einhaltung und dazwischen genügend Pause zu haben, um sich zu erholen und auch pünktlich am anderen Ort zu sein, lernte ich erst nach Beginn meiner Selbstständigkeit.

Was mich die Erfahrung noch dazu gelehrt hatte, war, stets Eigeninitiative zu ergreifen und sachlich zu kommunizieren. Ich lernte richtig zu kommunizieren und auch unangenehme Konflikte anzusprechen und konstruktiv zu lösen. Mein Studium Personalmanagement und meine Coaching-Ausbildung bereicherten meine Lebenserfahrung mit wissenschaftlichen Hintergründen und gaben mir den nötigen Schliff, so dass meine Professionalität wuchs und ich heute die Person bin, die ich schon immer sein wollte.

In der Selbstständigkeit habe ich auch die Verantwortung gewissenhaft mit Qualität, Professionalität, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft, Offenheit für Neues, einen wertschätzenden Umgang mit Menschen zu pflegen sowie Kontakte zu knüpfen, um Aufträge zu erhalten, umzugehen. Die Aufträge und Verträge laufen ab und diese müssen durch neue ersetzt werden. Ich habe es gelernt, in meinem Leben autonom zu sein. Ich habe als Persönlichkeit in dieser Selbstständigkeit einen eigen- und selbstständigen Lebensstil, eine Lebensart entwickelt, die ich Lebensreife oder auch persönliche Selbstständigkeit nenne. Die letzten 4 Jahre meines Lebens haben mich geprägt und selbstständig gemacht. Hinzu kommt, dass ich endlich den Beruf habe, der mir Freude bereitet, d. h. ich erlebe Erfüllung in meinem Leben: ich halte Vorlesungen und Seminare in der Erwachsenenbildung, ich führe und coache mit meiner Persönlichkeit und Professionalität.

 

 

Was sind Ihrer Meinung nach die Unterschiede zwischen Gründerinnen und selbständigen Frauen und ihren männlichen Kollegen?

Wenn ich auf die Jahre meiner Selbstständigkeit zurückblicke, denke ich an die Informationen, die Möglichkeiten der Fördermittel, von denen ich damals nichts wusste. Ich sprang regelrecht ins kalte Wasser, als ich mich selbstständig machte. Zum Glück half mir damals die junge Unternehmerin, bei der ich auf Honorarbasis arbeitete. Selber wäre ich überfordert gewesen. Es gilt an so vieles zu denken und zu bedenken. Alleine ohne Hilfe hätte ich mich wohl kaum gewagt, diesen Schritt zu tun. Ich machte die Erfahrung, dass es gerade in der Gründungszeit sehr wichtig ist, Menschen zu kennen, die das Fachwissen besitzen und die notwendigen Informationen weitergeben, die in der Gründerphase sehr nützlich und unterstützend sind. Aus diesem Grunde empfehle ich jedem Existenzgründer, einen Existenzgründungscoach zu engagieren. Viele Fehler, Versäumnisse, Nöte, Mutlosigkeit können dadurch vermieden werden. Ich habe selber erlebt, wie wichtig es ist, Erfolg zu haben. Erfolg ist bei jeder Existenzgründung wichtig und notwendig, um innere Sicherheit und Stabilität zu erlangen. Diese Sicherheit ist wichtig, um couragiert neue Aufgaben und Herausforderungen anzugehen und zu bewältigen. Risikobereitschaft und innere Stärke und Überzeugung sind wichtige persönliche Fähigkeiten, eine gute Existenzgründung zu starten und das eigene Untenehmen erfolgreich weiterzuführen.

Selbstständige Frauen haben Geschäfts- und Lebenserfahrung gesammelt. Ich bin froh, dass ich jeweils, wenn ich etwas Neues startete, d. h. expandierte zu Beginn Situationen erlebte, die mich aufrüttelten. Ich habe es gelernt, wie wichtig erfolgsorientiertes Arbeiten ist. Ich habe entdeckt, dass für mich die Sinnhaftigkeit in meiner Arbeit einen großen Stellenwert besitzt. Außerdem musste ich für mich als Geschäftsfrau Erfolg neu definieren. Nach dieser Erfolgsdefinition nehme ich Aufträge an. Ich habe es erfahren, dass nur so meine Kunden und ich zufrieden sein können. Meine hohen Ansprüche, die ich für mich habe, können nur in Realisierung bester Qualität zu finden sein. Ich weiß heute mehr denn je, was ich will.

Die männlichen Kollegen sind draufgängerischer, d. h. sie reden lauter, sie reden viel mehr. Auch hierin musste ich lernen, dass die Höflichkeit, anderen ausreden zu lassen, mir als Frau zum Nachteil und als Schwäche ausgelegt werden kann. Obwohl ich dieselben Ideen früher hatte als der männliche Kollege, ging diese „Innovation“ zu seinen Gunsten, weil ich ihm den Vorzug gab und ihn ausreden ließ. Ich habe festgestellt, dass ich als Frau in höflicher, aber auch bestimmter Art meine Beiträge lautstark verkünden kann. Oft sind daraufhin die männlichen Kollegen erstaunt, dass eine Frau eine bemerkenswerte Handlungskompetenz besitzt. Respekt und Wertschätzung sind natürliche Folgen daraus. Wir Frauen können mutiger sein und Respekt ernten. Die Zeit, unser Können unter dem Scheffel zu verstecken, ist vorbei.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach Besonderheiten im Bezug auf Gründerinnen mit Migrationshintergrund? Wenn ja, können Sie Beispiele nennen?

Ja. Es gibt in allen Berufszweigen und Nationen die breite Meinung, dass Frauen das schwache Geschlecht darstellen, d. h. nicht nur körperlich, sondern geistig. Von vielen Menschen männlichen Geschlechts werden Frauen in eine Norm gedrängt, diesem Vorstellungsbild zu entsprechen. Dafür sind kulturelle Hintergründe und Bewertungen verantwortlich. Für viele Frauen ist es deshalb schwierig, aus dieser Norm, d. h. der Erwartungshaltung anderer herauszutreten und sich als Mensch femininen Geschlechts zu beweisen. Frauen sind stark, weil sie vielen Lebensbelastungen standhalten. Aggressivität erscheint vielen Menschen als Stärke, ist aber in Wirklichkeit eine Schwäche. Dies deshalb, weil Sie Bedrohung, Angst und Gewalt in sich birgt.

Auch ich komme aus einem Hintergrund, in dem die Frau sich auf eine bestimmte Weise zu kleiden, zu benehmen, zu reden, zu geben hat. Wenn ich zurückblicke, frage ich mich, wie ich solange mir selbst und anderen Menschen diese Person vorspielte, die immer den Erwartungen anderer gerecht werden wollte. Dabei ist gerade die Möglichkeit

sich selbst zu sein, ob Mann oder Frau, eine Bereicherung. Gleichwertigkeit und Ergänzung sind Grundlagen für ein erfülltes Leben. Ich habe erfahren, wie befreiend es ist, die Grenzen, die Menschen so gerne anderen auferlegen, zu überschreiten und mir selbst die Grenzen zu stecken. Jede Frau, auch mit Migrationshintergrund muss über eine innere Stabilität, die Stärke verleiht, verfügen, um eine neue Existenz zu gründen.

Ich habe erlebt, wie Frauen mit Migrationshintergrund außergewöhnliche Geschäftsideen haben, die Erfolg versprechen und die plötzlich lebendige und strahlende Augen bekommen.

Die einzigartigen Geschäftsideen behandle ich vertraulich, weil sie im Werden sind und ich, wenn ich sie weitersage, diese Frauen schädigen würde, indem ihnen der Geschäftsgedanke genommen und nachgeahmt wird. Obwohl sie es schwieriger haben, in einem Land, in dem sie eher als Fremde bezeichnet werden, sind sie doch sehr mutig und nehmen die Position einer Mutmacherin ein. Dies mitzuerleben ist sehr motivierend und stärkend.

 

 

Welchen Rat würden Sie anderen Frauen geben, die mit dem Gedanken spielen, sich selbständig zu machen?

Erarbeiten Sie sich eine Vision, von der Sie Ihre Mission und Sinnhaftigkeit ableiten können. Danach können Sie sich gezielt die Strategien überlegen und konzipieren. Daraus ergibt sich ein Businessplan, der stichhaltig und argumentativ untermauert ist. Die Strategie, die Sie bevorzugen und die Sie näher an Ihre Ziele bringt, sollte für Sie den roten Faden darstellen. Danach setzten Sie sich detaillierte und definierte Ziele, die messbar sind. Daraus ergeben sich die Maßnahmen, die Sie kurzfristig ergreifen und ausführen können. Erkundigen Sie sich über die Fördermöglichkeiten. Sie erhalten auch die Fördermöglichkeit für einen Existenzgründungs- und Unternehmenscoach, der Sie professionell zur erfolgreichen Existenzgründung und Selbstständigkeit begleitet und betreut. Wichtig ist, dass Sie genau wissen, was Sie wollen, aber auch die betriebswirtschaftliche Komponente in Betracht ziehen. Beides zusammen ergibt Synergieeffekte und den gewünschten Erfolg.

 

Webseite von Stanka Wegen:

www.coaching-wegen.com

 

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