Radio mulicult2.0 – Alt Bekanntes auf neuen Wegen

Von Sunya Baaroun

Nach dem das rbb-Hörfunkprogramm Radio Multikulti seinen Sendeplatz für das ähnlich ambitionierte Funkhaus Europa räumen musste, startet das in Berlin und Brandenburg ehemals so beliebte Programm nun von Neuem. Seit Anfang des Jahres kann man Radio multicult2.0 über das Internet empfangen. Überzeugen möchte der Sender vor allem mit regional gebundenen Themen, sowie dem aktivem Einbezug der Zuhörerschaft. Ein Gespräch mit Brigitta Gabrin, Projektleiterin von Radio multicult2.0


Frau Gabrin, inwiefern ist Radio Multicult2.0 eine Protestantwort auf die Abschaltung von Radio Multikulti auf dem rbb?

Gabrin: Wir haben versucht, dem Protest, der sich unter anderem in 31.000 Unterschriften gegen die Schließung geäußert hat, eine positive Wendung zu geben. Wobei die Umsetzung dieser Wendung teilweise schwierig war, da es bekanntlich immer leichter ist, „gegen“ etwas als „für“ etwas zu sein. Der entscheidende Motor für mich waren die Hörer, welche sich ganz klar äußerten, dass ihnen ein überregionales Programm aus NRW nicht genüge. Das hat mich quasi beflügelt. Hinzu kamen die Ermunterungen der Berliner Kreativ- und Musikwirtschaft.

 

Diese haben Multicult2.0 durch ihr Feedback also den Rücken gestärkt?

Gabrin: Nicht nur das. Die haben gleich gesagt, dass sie bei unserem Projekt mit dabei sein wollen. Die Gründung einer GmbH, in der sie einer der insgesamt drei Gesellschafter sind, ist deshalb gerade in Planung.

 

Gab es noch weitere namhafte Befürworter des Projekts?

Gabrin: Ja, positive Signale gab es von Politikern aller Couleur, darunter zwei Spitzenpolitiker der Grünen, die sich an unserer Stifterinitiative beteiligen. Der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Dr. Hans Fleisch, stand und steht uns beratend zur Seite und der deutschlandweit bekannte Migrationsforscher Prof. K. J. Bade ist sogar Namenspate unseres Radios. Auch aus der Wirtschaft gibt es positive Signale, zum Beispiel von Vural Öger, dem großen Berliner Touristikunternehmer und EU-Parlamentarier.

 

Sie haben angekündigt, nicht mehr communitybezogene Radioprogramme für Minderheiten anzubieten wie es bisher der Fall war. Stattdessen wollen sie die postmigrantische Realität abbilden. Wie möchten Sie das im Programm umsetzen?

Gabrin: Jemand, dessen Eltern zum Beispiel noch in Griechenland geboren sind, sieht und bezeichnet sich selbst oft längst als Deutscher. Er/sie hat aber im Vergleich zu deutschen Altersgenossen trotzdem einen anderen Blickwinkel. Aus diesem Sichtfeld heraus möchten wir berichten. Die postmigrantische Gesellschaft ist oft weiter, als die Medien sie manchmal abbilden, die Grenzen zwischen Mehrheitsbevölkerung und einzelnen Ethnien sind zum Teil längst aufgeweicht.

In unserem Programm wird Deutsch die Lingua Franca, also die Hauptsprache sein – mit Ausnahme der Sendungen in den Muttersprachen. Von Vietnamesisch und bald auch Chinesisch bis zu Arabisch. Die Muttersprachensendungen waren bei radiomultikulti einstündige Fenster, die jeden Hörer außerhalb der betreffenden Community ausgeschlossen haben. Mit Hilfe einer neu entwickelten Software, die noch im Testverfahren ist, ermöglichen wir es den Hörern, ihr Programm selbst zu konfektionieren, also nach eigenen Präferenzen zu beeinflussen. Wenn z. B die persische Sendung läuft, kann sie mit einem Mausklick demnächst auf Deutsch oder auf Englisch umgeschaltet werden. Individualisiertes Hören ist aber nur eine der Möglichkeiten, eine größere Höreranbindung zu schaffen.

 

Inwiefern hilft Ihnen das Medium Internet hierbei?

Gabrin: Die zuletzt beschriebene Technik geht nur im Internet; sie setzt Interaktivität voraus, die normales Radio nicht bietet. Das Internet eröffnet neue Optionen, deshalb entsteht hier das Radio der Zukunft. Man kann sich zum Beispiel schon im Voraus über das Thema der Sendung informieren oder parallel zur laufenden Sendung Redakteure und Moderatoren im Chat ansprechen. Fragen und Feedbacks zur Sendung können so aktiv eingebracht werden und die Sendung beeinflussen. Dieses Angebot wird auch im großen Maße genutzt. Der Hörer kann also immer ganz nah dabei sein, das ist einfach traumhaft.

 

Gibt es weitere Sendungen solcher Art, in denen der Hörer selbst die sogenannte postmigrantische Realität konkret widerspiegeln kann?

Gabrin: Ja, zum Beispiel wird in einer täglichen Rubrik unseres Livemagazins: „Dein Fenster zur Straße – Dein Blick, Deine Geschichte“ Berlin und Brandenburg durch die persönliche „Brille“ des Kiez/Dorf-Erzählers erfahrbarer. Während der Eine z.B. Berlin-Neukölln nur aus der Ferne als sogenannten „sozialen Brennpunkt“ kennt, vermittelt die Andere, wie lebenswert es da aber auch sein kann. Es geht um die ganz persönliche, bewegende, fröhliche oder nervende Geschichten vom unmittelbaren Lebensumfeld der Hörer.

 

Sie senden Ihr Radioprogramm im Internet und erreichen damit mehr Menschen als mit dem herkömmlichen Medium Radio. Auf der anderen Seite richtet sich ihr Programm an Hörer aus Berlin-Brandenburg. Wäre es da nicht sinnvoll, den regionalen Bezug außen vor zu lassen und die gesamte Republik anzusprechen?

Gabrin: Ich denke nicht. Der regionale Bezug ist unser Markenzeichen, Integration findet immer im jeweiligen Umfeld statt. Durch die Abschaltung von Radiomultikulti ist in der multikulturellen Berichterstattung der Hauptstadtregion eine Lücke entstanden. Trotz des Engagements von Funkhaus Europa im Bezug auf regionale Berichterstattungen, schafft der Sender es nicht, diese Lücke zu füllen. Es ist nun mal nicht leicht, den Spagat zwischen Bottrop und Kreuzberg hinzukriegen. Deshalb ist multicult2.0 ein Programm aus Berlin und Brandenburg und primär für die Hauptstadtregion. Dass unser Programm trotzdem in München wie in Sao Paolo gehört werden kann, hängt mit der globalen Attraktivität Berlins zusammen. Wir stellen erfreut fest, dass wir überall Hörer haben. Unser Profil bei Myspace hat Einträge aus aller Welt. Die Welt interessiert sich also auch dafür, was in der deutschen Hauptstadt passiert – und findet unsere Musikrichtung gut. Wenn wir mal ein vollständiges aktuelles Live-Programm rund um die Uhr schaffen, wird beides drin vorkommen: das Regionale und der Blick in die große Welt, in der ein Großteil der RadiomacherInnen und unserer HörerInnen zu Hause sind.

http://www.multicult20.de/