“Mein Ziel ist es für eine bessere Gesellschaft hinzuarbeiten”

Türken Sam - Cem Gülay

Türken Sam - Cem Gülay

Von Fatma Bulut

In seinem Buch TÜRKEN SAM – Eine deutsche Gansterkarriere schildert Cem Gülay seine Erfahrungen und Beobachtungen als Türkischstämmiger zwischen Selbstverwirklichung, Termingeschäften und Gewalt.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen ihre Autobiographie zu schreiben?

Die Autobiographie zu schreiben war eine Entscheidung, die ich ungefähr zwischen den Jahren 2006 bis 2007 getroffen habe, als in den Medien starke „anti-türkische“ Einstellungen  kursierten, wie zum Beispiel der Wahlkampf von Roland Koch oder die Thematik der Ehrenmorde. Es hat mich genervt, dass die Geschichten der hier lebenden Türken einfach so von den Medien übernommen wurden und einseitig berichtet wurde und auch, dass es kaum Gegenwehr kam von der anderen Seite. Ich wollte die Problematik der Migranten von einer anderen Perspektive beleuchten, so dass man die Konflikte besser versteht. Andererseits hatte ich so die Möglichkeit meine eigene Vergangenheit zu verarbeiten.

 

Wie stehen Sie zu der Unterlassungsklage von Ihrem damaligen Schulleiter?

Noch zu der vorherigen Frage, ich hatte einfach die Motivation, den Glauben, dass Türken und Deutsche besser zusammenleben können und dass Probleme beseitigt werden können. Mit diesem Buch wollte ich eine Art Brücke bauen zwischen den verschiedenen Gruppen. Was ich über die Unterlassungsklage denke, kann ich nicht äußern. Ich will das mal so verallgemeinert sagen: dass man abmahnt oder vertuscht ist genau das Problem was wir haben in der Gesellschaft. Offenheit und Ehrlichkeit ist eben abhanden gekommen-gerade in dieser Problematik. Man kann abmahnen, man kann vertuschen, aber das führt keinen Schritt weiter. Deswegen habe ich ein Buch geschrieben, was ich nicht aus dem Sand gezogen habe. Ich habe gesagt ich erzähle alles und bin offen und ehrlich. Aber nicht jeder Mensch ist so und das ist das große Problem.

Welche Rolle spielt die Gewalt unter den Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte?

Ich hatte heute ein interessantes Gespräch mit Jugendlichen in einer Schule, denen die Möglichkeit gegeben wird auf dem zweiten Bildungsweg einen Abschluss zu erlangen. Sie haben auch gesagt, dass zwischen den Jugendlichen die Spannungsverhältnisse und die Gewaltbereitschaft ziemlich hoch sind und dass auch deutsche Jugendliche Migranten gegenüber sehr gewalttätig geworden sind. Schwere gewalttätige Auseinandersetzungen finden nicht „nur“ unter Migranten statt. Es ist natürlich eine schlechte Entwicklung. Man versucht es zu verheimlichen, damit man den Leuten keine Angst einjagt. Aber die Gewalt ist da und sie wird sich steigern. Sie gehört langsam aber sicher zum Alltag- auch in bürgerlichem Milieu. Die Eltern müssen sich fragen, was da falsch läuft.

 

Wie würden Sie die Beziehung dieser Jugendlichen zu dem Begriff der Ehre beschreiben?

Für mich persönlich ist der Begriff der Ehre ein schöner bzw. ein positiver Begriff. Sie wird, wie auch der Begriff der Religion, missbraucht, indem er falsch gedeutet wird. Viele halten sich an diese Ehre „fest“ weil sie sonst nichts anderes haben. Sie sagen sich O.K., ich habe sowieso ein armes Elternhaus, meine Chancen sind geringer und ich halte mit den bürgerlichen Deutschen überhaupt nicht mit: sei es Klamotten oder Geld. Das einzige, woran sie sich festhalten ist der Begriff der Ehre, so dass es dann z. B. heißt: „Meine Schwester muss zu Hause bleiben, sonst ich mach kaputt!“ So wird der Begriff missbraucht. Sie überfallen und schlagen einen deutschen Jugendlichen, der auf dem Weg zum Klavierunterricht ist und brüsten sich damit, dass sie „starke Männer“ sind. Auch Frauen gegenüber zeigen sie keinerlei Respekt, so dass in ihren Beziehungen keine Gleichberechtigung herrscht. Mein Vater war auch sehr schlecht gegenüber meiner Mutter. Jedoch habe ich selber oder meine Brüder das nicht von ihm übernommen. Wir verhalten uns unseren Frauen oder unseren Freundinnen gegenüber nicht schlecht, wir sind nicht patriarchisch eingestellt. Wir haben sie weder geschlagen noch minderwertig behandelt. Also kann das Argument nicht stimmen, dass so ein Verhalten, wie das von meinem Vater oder anderen männlichen Migranten, allein vom Elternhaus kommt.

 

Gibt es in der deutschen Gesellschaft Ihrer Meinung nach Chancengleichheit?

Es ist heute besser als früher, vor ungefähr zwanzig Jahren, als es noch gar keine Vorbilder gab. Damals gab es auch keinerlei großartige Förderungen usw. Die Situation heute betrifft vor allem die „verlorene Generation“, sagen wir die dritte bzw. vierte Generation. Die Schulabgänger werden oft kriminell. Sie werden auch irgendwann mal Kinder kriegen. Es gibt kaum Kontaktmöglichkeiten zwischen den Kindern mit Migrationshintergrund und den deutschen Kindern, sei es im Kindergarten, in der Schule oder in Sportvereinen. Auch Frau Merkel sagt, dass Migranten es im Beruf deutlich schwerer haben als die Deutschen. Studien beweisen ja, dass hochqualifizierte Deutsch-Türken dreimal mehr arbeitslos sind als die Deutschen, die studiert haben. Der Außenstehende sollte selber entscheiden, ob die Chancen gleich sind oder nicht.

 

Was sollte Ihrer Meinung nach die Politik ändern?

Die Politik könnte eine Initiative starten in der eine klare Ansage gemacht wird gegen Rassismus auf beiden Seiten und für Chancengleichheit. Frau Merkel und die politische Elite dieses Landes könnten deutlich ansagen: „wir wollen eine friedliche Gesellschaft, wir wollen, dass alle -auch die Türken- absolut gleichberechtigt sind. Wir wollen sie fördern, wir wollen sie unterstützen.“ Denn sie haben ja letztendlich die Macht. Ein erster Schritt wäre, wenn beliebte Personen (Deutsche sowie Deutsch-Türken) aus verschiedenen Bereichen der Öffentlichkeit auf einer Veranstaltung zusammentreffen und eine klare Botschaft geben für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. So etwas hat es noch nie gegeben. Und ich hoffe, dass das irgendwann mal kommt.

 

Wie sieht Ihre Karriereplanung aus?

Ich könnte mir schon vorstellen in einem türkischen Verband oder in einer politischen Partei mitzuarbeiten. Aber man sieht mich immer noch als einen Kriminellen. Joschka Fischer hatte auch mal einen Polizisten beworfen und ist später Außenminister geworden. Ich glaube man muss sich erst mal an mich gewöhnen. Ich bin der einzige, der aus der „Praxis“ kommt. Ich könnte in den Schulen die Aufgabe übernehmen, den Lehrern oder den Schülern ein Ansprechpartner zu sein. Man sollte vor meinem Buch nicht Angst haben, sich nicht „ertappt“ fühlen. Mein Ziel ist es für eine bessere Gesellschaft hinzuarbeiten.

 

Im Interview – Videos:

www.youtube.com/watch

www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/538