Kinotipp: Zerrissene Umarmungen

Zerrissene Umarmungen

Zerrissene Umarmungen

Von Tobias Render

Eine scheinbar perfekte Umarmung. Doch sie wird zerrissen. Von eifersüchtigen Nebenbuhlern, von wenig verständnisvollen Angehörigen, von tragischen Unglücken. Eine Situation, in die sich viele Menschen hineinversetzen können.

„Zerrissene Umarmungen“, der neuen Film des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar handelt von genau solch einer Umarmung. Eine wunderschöne Romanze zwischen der Sekretärin Lena (Penélope Cruz) und Filmregisseur Mateo Blanco (Lluís Homar), die einfach nicht dafür bestimmt ist, glücklich zu enden.

Doch Vorsicht! Den Film nur auf eine Haupthandlung zu beschränken wäre fatal – und wenn man Almodóvars Werke kennt, auch fern jeglicher Überlegungen. Denn der Filmemacher will immer mehr, minimalistische Filme sind nicht sein Stil. Almodóvar steht vielmehr für kraftvolle Bilder, leuchtende Farben und herzzerreißende Gefühle.

Mateo Blanco genießt sein Leben in vollen Zügen – trotz eines tragischen Schicksals. Mateo ist blind. Vor 14 Jahren verlor er bei einem Unfall nicht nur sein Augenlicht, sondern auch seine große Liebe Lena. Der ehemalige Filmregisseur arbeitet nun als Drehbuchautor und hat die Katastrophe scheinbar dadurch verarbeitet, dass er einen anderen Namen angenommen hat. Mateo nennt sich nun Harry Caine, ein Pseudonym, dass er schon früher als Schriftsteller benutzte.

Als er vom Tod des Finanz-Tycoons Martel hört, wird Harry Caine gezwungenermaßen wieder an seine Vergangenheit erinnert. Bedrängt auch durch den Sohn seiner Assistentin, dreht Harry Caine die Zeit noch einmal 14 Jahre zurück…

Der Filmtitel könnte nicht passender sein. Denn zerrissen werden nicht nur die scheinbar perfekten Umarmungen, um die es in Pablo Almodóvars melodramatischer Liebesgeschichte geht. Sondern auch die Meinungen der Kinobesucher gehen nach dem gesehen Film auseinander. Denn Zerrissene Umarmungen ist nicht einfach nur ein Film, sondern vielmehr eine Huldigung des europäischen Kinos, und – eine Hommage in eigener Sache. Almodóvar zitiert das Kino und vor allem sich selbst.

Vieles, was Almodóvar als Filmschaffender selbst erlebte, findet sich in der Rolle seines blinden Protagonisten wieder. Das Bild „Zerrissene Umarmungen“ ist einem Film aus dem Jahre 1954 entlehnt: „Viaggio in Italia“, von Roberto Rossellini. Darin besuchen Ingrid Bergman und George Sanders die Ausgrabungen in Pompeji. Die beiden sehen den Gipsabdruck eines Paares, das sich im Tod umarmt hält. Ein schmerzvoller Moment für Ingrid Bergman, denn sie erkennt, dass sie diese Innigkeit in ihrer eigenen Ehe nie erleben wird, reißt sich von Sanders los und rennt davon: Zerrissene Umarmung. Diese Szene spiegelt auch Almodóvars Liebe zum europäischen Kino wieder. Eine andere Szene, in der quasi ein Film im Film gedreht wird, ist unverkennbar eine Erinnerung an Almodóvars eigenes Meisterwerk „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, mit dem der Regisseur berühmt wurde. Und die Kanaren-Insel Lanzarote taucht auf, weil der Spanier einst selbst dort weilte, fotografierte (einige Aufnahmen sind im Film zu sehen) und sich von den beeindruckenden Felsküsten inspirieren ließ.

Zerrissene Umarmungen ist kein seicht-plätschender Unterhaltungsfilm. Er ist tiefgründig, bildgewaltig, traurig-schön. Allerdings benötigt man ein wenig Geduld, der Film ist ein bisschen langatmig. Eben Perfekt für Kino-Liebhaber.

Zerrissene Umarmungen läuft seit dem 06. August im Kino.