Kinotipp: La Vida Loca – Die Todesgang

La Vida Loca

La Vida Loca

Von Eleonora Roldán Mendìvil

Auf dem ganzen amerikanischem Kontinent bekämpfen sich seit Jahren zwei große Banden: Die Mara Salvatrucha (MS 13) und die Mara 18. Unzählige Morde und Mordversuche gehen auf die Konten der rivalisierten Jugendbanden.

Der Film „La Vida Loca – Die Todesgang“ gewährt einen brutalen Einblick in das alltägliche Geschehen der Mara 18 (Mara dieciocho).

Hintergrund: Durch die zentralamerikanische Diaspora während der vor allem in den 1980er und 1990er Jahren wütenden Bürgerkriege entstand eine breite Schicht junger Menschen, welche die englische Sprache nicht beherrschte, in Latino-Ghettos lebte und desorientiert nach Halt suchte. Als Reaktion auf diese Situation entstanden die Maras oder Pandillas (Jugendbanden), vorwiegend in der US-Stadt Los Angeles. Der anglophone Einfluss lässt sich bis heute in den Namen vieler Bandenmitglieder erkennen: Little One, Big One, Skinny One, Erick Boy etc. Viele dieser pandilleros (Bandenmitglieder) wurden im Laufe der Zeit zurück in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Hier behausten sie spärliche Unterkünfte in den ärmsten Vierteln. Vom Staat und der Familie im Stich gelassen, wuchsen viele schon als Kinder in die Maras und damit in die Kriminalität hinein. Hier fanden sie eine Familie, einen Zufluchtsort, einen Halt.Das Aufnahmeritual: 18 Sekunden Fußtritte

Heute treten die jungen pandilleros und pandilleras mit durchschnittlich 14 bis 15 Jahren in die Maras ein. Hierbei muss man zusätzlich die Zeit mitberechnen, die sie als AnwärterInnen verbringen müssen. Erst nachdem sie das Aufnahmeritual des zapateo – 18 Sekunden lang treten Bandenmitglieder auf den Anwärter oder die Anwärterin ein – über sich haben ergehen lassen, sind sie als vollwertiges Bandenmitglied anerkannt.

In El Salvador, ein Land das etwa so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern, leben 7,3 Millionen Menschen; die meisten von ihnen an der Armutsgrenze. Hier werden Schätzungen zufolge täglich 10-12 Menschen ermordet. Kriminalität und Angst gehören genauso wie Katholizismus und Aberglaube zum Alltag der SalvadorianerInnen.

„Warum opfern sich 13-jährige Kinder für eine Bande?“, fragte sich Christian Poveda, spanisch-französicher Fotojournalist und Dokumentarfilmer. Er lebte drei Jahre lang in El Salvador und porträtierte in dieser Zeit mehrere Bandenmitglieder für eine Fotoreihe. Hier entstanden die Kontakte für die Produktion von „La Vida Loca – Die Todesgang“.

In diesem Film ist alles echt: die jungen Mütter, die Waffen, die Toten

Von Februar 2006 bis Mai 2007 begleitete Poveda das Leben einiger pandilleros und pandilleras der Mara 18 in Las Campaneras mit ständig laufender Kamera. Dieser Dokuemtarfilm gewährt einen Einblick in den harten, hierarchischen, kriminellen und sexistischen Alltag der Mara 18. Hier ist alles echt: die Tattoos, die jungen Mütter, die Waffen, die Drogen, die Toten. Kommentarlos hält Poveda hin, ohne Skrupel, ohne Scham. Nicht nur das familiäre Ambiente, sondern auch die Realität in den Banden werden für das Publikum sichtbar: Während der Dreharbeiten werden sieben Bandenmitglieder der Mara 18 aus Las Campaneras getötet.

Schockierend, aber sehr empfehlenswert

José Heriberto Henríquez, besser bekannt unter den Namen Erick Boy, ist einer der Protagonisten aus Povedas Dokumentarfilm: „Ab 24 oder 25 Jahren wollen die meisten gar nicht mehr in den Pandillas sein. Sie suchen nach Alternativen.“ Aber was für Alternativen gibt es für ehemalige Kriminelle – mit offensichtlichen Tattoos im Gesicht – und noch in einem so von Armut vorbelasteten Land wie El Salvador?

Ohne Hintergrundwissen und aus einer eingeschränkten Sicht kann man diesen Film nur schwer verstehen. Und trotzdem: diese Dokumentation ist einzigartig und unglaublich wachrüttelnd. Schockierend und zugleich sehr empfehlenswert. Am 2. September 2009 wurde Christian Poveda im Alter von 54 Jahren während der Dreharbeiten zur Fortsetzung von “La Vida Loca” mit mehreren Kopfschüssen ermordet.

La Vida Loca – Die Todesgang: El Salvador/ Frankreich 2008. Spanisch mit Deutschen Untertiteln. Kinotermine: ab 21.1.2010: Central Kino, Berlin; Eiszeit, Berlin; Filmpalette, Köln; Monopol, München; 21.1.-10.2.2010: 3001 Kino, Hamburg; 4.2.2010: Cinematheque, Leipzig; 6.2.2010: Endstadion, Bochum (im Rahmen von STRANGER THAN FICTION); 10.2.2010: Cinema, Münster (im Rahmen von STRANGER THAN FICTION); 11.2.-17.2.2010: Ufer,

Chemnitz.