Kino: „Süt” – Ein Leben zwischen Milch und Poesie

Von Tasnim El-Naggar

Süt, übersetzt Milch, so heißt der zweite Teil der Trilogie vom Regisseur Semih Kaplanoglu, der in Ko-Produktion mit „Heimatfilm“ in Köln entstanden ist.

Alles beginnt mit einem alten Mann, der in seinem grünbewachsenen anatolischen Garten sitzt und schreibt. Im Hintergrund sind verschwommen drei Gestalten sichtbar, die dort verweilen, bis zwei von ihnen  – nun sichtbar geworden – ein paar Äste holen, sie stapeln, anzünden und einen Kessel mit Milch darüber hieven. Dann erst wird die Frau sichtbar. Sie hat Angst. Aber wovor? Schnell erfährt es der Zuschauer. Sie wird kopfüber über den Kessel gespannt – unwillkürlich muss man an kriminelle Handlungen gegenüber Frauen denken, wird aber glücklicherweise enttäuscht – und nach Husten und Keuchen kommt eine Schlange aus ihrem Mund und kriecht gen Milch.

Schlangen lieben Milch

Und die Schlange ist es, die im Film immer wieder vorkommt. Schlangen lieben Milch, und die alleinerziehende Mutter und ihr Sohn Yusuf, Anfang 20, sind nun einmal Milchbauern und müssen die Anwesenheit von Schlangen bei ihrer täglichen Arbeit fürchten. Steht die Schlange für die Gefahr der alten, traditionellen Welt? Oder für die Verführung, die die neue, moderne Welt zu sein scheint? Ganz klar ist das nicht, aber es geht um diese zwei Pole, zwischen denen sich vor allem der junge, verträumte Yusuf hin- und herbewegt. Leidenschaftslos hilft er seiner Mutter beim Herstellen und Verkaufen der Milchprodukte, leidenschaftlich tippt er nachts und manchmal auch tagsüber – zum Leid seiner alleingelassenen Mutter – Gedichte und hofft, sie zu veröffentlichen und schließlich aus seinem alten Leben auszubrechen zu können.

Lange hat er gewartet, ist täglich voller Hoffnung zur Post gelaufen, und schließlich hat sich sein Warten gelohnt: eines seiner Gedichte wurde veröffentlicht, und seine Hoffnung auf ein Leben in der Stadt als Dichter wächst und wird erst zerschmettert, als er zur Musterung nach Izmir fährt, ein junges Mädchen kennenlernt und doch später erfährt: er wurde ausgemustert und muss da bleiben, wo er vorher war. Den Militärdienst nicht antreten zu dürfen ist eine Schmäh für ihn, er sieht seinen Traum zerstört, die Beziehung zu seiner Mutter wird gespannt.

 

Rasend vor Eifersucht greift er zum Stein

Diese spielt nicht nur hier, sonder im ganzen Film eine Rolle. Seine Mutter ist ihm eine enge Bezugsperson, und diese Beziehung wird mal durch langes Schweigen, mal durch karge Dialoge oder Blicke deutlich. Umso schwieriger ist es für ihn, als sich die Mutter in den ebenfalls alleinerziehenden Bahnhofsvorsteher verliebt und ein neuer Mann in ihr Leben tritt. Yusuf folgt ihm beim Jagen von Wildenten, will ihn vor Eifersucht mit einem Stein erschlagen. Dann hält er inne, als er einen riesigen Fisch entdeckt und trägt diesen stolz nach Hause, in der Hoffnung auf Anerkennung von seiner Mutter. Doch die sitzt da und rupft bereits die Ente, für Yusuf neben der Ausmusterung ein weiterer Schlag ins Gesicht.

Die Folge: nun arbeitet er wie sein Bruder auf dem Bau – harte Arbeit, wohl besser als Milch verkaufen, aber schlechter als Gedichte schreiben. Verbittert, verträumt, verschwiegen blickt er mit seinem Helmlicht in die Kamera, die davon ausgefüllt wird – gibt es Hoffnungsschimmer?

Die langsamen, bedächtigen, teilweise traumhaften Bilder sind eine schöne Abwechslung zu den heutigen, schnellen Filmen und lassen jede Szene intensiv wirken, sind zum Teil aber auch etwas einschläfernd. Alles wirkt melancholisch, zuweilen auch unrealistisch, denn niemand würde es in der Realität aushalten so lange gemeinsam zu schweigen. Die ästhetischen Landschaftsbilder sind eine Entschädigung dafür, und auch die Schauspieler, die in der ersten und dritten Folge der Trilogie wieder auftauchen, haben durchaus Talent.

Mit Deutschland und den hier lebenden Migranten türkischer Abstammung hat dieser Film aber herzlich wenig zu tun, weshalb sich die Frage auftut, warum der Film hier koproduziert wurde. Ist es die intensive und schwierige Mutter-Sohn-Beziehung, die sich hier fortsetzt? Oder der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne? Der Traum nach etwas Besserem, Höherem, Edlerem? Die Suche nach Weiblichkeit und Männlichkeit? Alles in allem gibt der Film einen guten Einblick in anatolisches Leben und gibt viele Impulse, mit denen man das Kino verlässt. Er lässt an mancher Stelle aber auch Fragen offen, bei denen eine Antwort sinnvoll gewesen wäre. Vielleicht findet man sie ja bei „Bal“, dem dritten Film der Trilogie, der zurück in die Kindheit des Protagonisten Yusuf reicht.