Ein Mann im Blutrausch

Von Mustafa Ucar

Alfred Langer ist 89 und kann nicht genug kriegen vom Blut. Kein Wunder: Seine Berliner Firma Kryolan ist der weltweit größte Produzent von Kunstblut und ihr Gründer seit 65 Jahren ein Vorreiter auf dem Gebiet der Theaterschminke. Gazelle sprach mit ihm über Blutrausch, Ekel, den ersten deutschen Farbfilm und Terroristen.

Herr Langer, können Sie echtes Blut sehen?

Das macht mir nichts aus.

 

Sie sind der weltweit größte Produzent von Theaterblut.

Ja, das stimmt. Es gibt zwar eine weitere Firma in Hamburg. Aber die haben sich nur auf Blut spezialisiert. Wir machen ja neben Blut auch Theaterschminke. Deshalb kann ich sagen: Wir sind in der Sparte Weltmarktführer.

Wieso heißt Ihre Firma eigentlich Kryolan?

Das „lan“ ist die Abkürzung meines Namens Langer. Und das „kr“ steht für Krause, den Nachnamen meines Freundes, mit dem ich 1945 die Firma gegründet habe. Das „yo“  dazwischen ist nur eine Klangverbindung.

Hatten Sie von Anfang an auch Theaterschminke im Angebot von Kryolan?

Nicht sofort, aber relativ schnell. Die Schminke kam im ersten Jahr. Die richtige Blutorgie begann Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, als der Theaterregisseur Peter Stein sein „Antikenprojekt“ inszeniert hat. Zwar hatten wir schon vorher Blut in unserem Programm, aber Peter Stein war der erste, der richtig viel geordert hat. Er bestellte zehn Liter Kunstblut pro Abend. Für damalige Verhältnisse eine große Menge. Ich habe die Rezeptur selbst entwickelt.

Welche Stoffe kamen denn in Ihr Blut?

Ich mischte Wasser, Glycerin, Gelatine und rote Farbpigmente hinein. Das sind auch die wesentlichen Bestandteile des heutigen Theaterbluts.

Wieviel kostet ein Liter Blut bei Ihnen?

Unser Standardkunstblut kostet etwa 40 Euro pro Liter.

Gibt es aktuelle Aufführungen, die etwas von Ihrem Blut haben wollen?

Ja, gerade neulich hat sich die Schaubühne aus Berlin bei uns gemeldet. Die führen gerade die „Nibelungen“ auf und brauchen für eine Vorstellung 800 Liter Kunstblut, die sie die Treppenstufen hinunterfließen lassen.

Woher kommt Ihre Faszination für Theaterschminke- bzw. Blut?

Ich war schon sehr früh ein großer Theater- und Opernfan und habe 1939 ein Praktikum bei einer kleinen Berliner Kosmetikfirma gemacht. Und damals kam der erste deutsche Farbfilm „Frauen sind doch die besseren Diplomaten“ mit Marika Rökk in die Kinos. Der Film wurde in Babelsberg gedreht, aber die Filmcrew hatte wenig Ahnung, wie sie einen Farbfilm maskenbildnerisch in Szene setzen sollte. Die Umstellung von Schwarzweißfilm auf Farbfilm  faszinierte mich sofort. Nach dem Krieg wollte ich Profischminke entwickeln.

Wie viele Sorten Blut bietet Ihre Firma an?

Allein in der Preisliste stehen 20 verschieden Sorten. Die Palette reicht von dunklem, pulsierendem, schnell krustendem bis leicht auswaschbarem Blut. Daneben produzieren wir aber ständig Spezialbestellungen wie zum Beispiel für die „Nibelungen“-Aufführung das von uns so genannte „Treppenblut“.

Gibt es eine Lieblingssorte der Kunden?

Die meisten Kunden bestellen das Theaterblut SP4 A, das wir damals für Peter Stein entwickelt haben. Das ist relativ billig, ist aber nur bedingt aus Stoffen auswaschbar.

Sie beliefern ja nicht nur deutsche Filme und Theater mit Ihrem Blut, sondern sind auch weltweit aktiv.

Ja, neben den berühmten Theaterhäusern der Welt wie die New Yorker Met und die Mailänder Scala arbeiten wir auch mit Hollywood zusammen.  Bollywood, die indische Filmindustrie, wird ebenfalls von uns beliefert. Wir haben eine eigene Filiale in Chennai, die den indischen Markt versorgt.

In welchen bekannten Hollywoodfilmen war denn Ihr Blut im Einsatz?

„Der Name der Rose“, „Titanic“, „Planet der Affen“, um nur einige zu nennen. Und Steven Spielberg hat sich auch schon bei uns gemeldet. Er brauchte Blut für seinen Film „Schindler’s Liste“. Für den Stalingradfilm „Enemy at the Gates“ mussten wir eine extra Schminke herstellen, die die Schauspieler so aussehen ließ, als ob Eiskristalle in ihren Gesichtern erstarrt wären.

Haben die in Hollywood nicht eigene Firmen für Kunstblut?

Sicherlich gibt es in den USA auch viele Firmen. Aber keine von denen hat ein so großes Repertoire, wie wir es haben.

Sie bieten neben Blut unter anderem auch Schleim, Erbrochenes, Sperma, Eiter, Rotz und Urin an. Also die ganze Palette des Ekels sozusagen.

Neulich hat mich eine Zeitung deswegen „Lieferant des Ekels“ genannt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wir produzieren nicht nur Ekel, sondern auch viele gesundheitsfördernde Mittel, wie zum Beispiel Produkte gegen Hautkrankheiten.  Wir beliefern Hautärzte mit Cremes, mit denen Patienten schwere Hautschäden abdecken können. Und wir beliefern ja auch Armeen.

Armeen?

Genau. Die Tarnfarbe, mit der sich die Soldaten bei Einsätzen das Gesicht beschmieren, ist auch von uns.

Kommen noch andere Berufsgruppen zu Ihnen?

Polizisten. Wenn sie als verdeckte Ermittler arbeiten, brauchen sie manchmal Schnurrbärte, um nicht erkannt zu werden. Das bieten wir auch an.  Terroristen hatten wir übrigens ebenfalls schon als Kunden.


Wie bitte?

Ja, wirklich. Das haben wir natürlich vorher nicht gewusst. Aber wir haben sie später auf Fahndungsfotos erkannt.