„Wir sind niemandes Ehre – unsere Ehre ist unsere Freiheit“

Von Sunya Baaroun


Foto: Cenî – das Kurdische Frauenbüro für Frieden e.V.

Unter diesem Motto lud “Cenî – das Kurdische Frauenbüro für Frieden e.V.” auch dieses Jahr wieder zum Zilan – Frauenfestival ein. Am 6. Juni war es dann soweit: Aus dem In- und Ausland trafen hunderte kurdischstämmige Festivalinteressierte in Gelsenkirchen ein.

Den Höhepunkt bildete hierbei eine Podiumsdiskussion, zu welcher verschiede kurdische Frauenrechtlerinnen, darunter auch die Französin Lilyan Hals  als  Sprecherin der EFI ( Europäische Feministische Initiative), sowie Vertreterinnen des kurdischen Frauenbüros für Frieden e.V. zusammen kamen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Frau Zilan, TV- Moderatorin und  Freie Journalistin der kurdischen Frauenzeitung.

Im Rahmen dieser Interessengemeinschaft wurde über den Status der kurdischen Frau hier in Deutschland, als auch im nicht europäischen Ausland gesprochen. Im Wesentlichen ging es hierbei um das Ehrverständnis und dessen ethnisch-kulturelle Begriffsdefintion. Ist es doch so, dass wie in vielen Teilen der Welt, auch die kurdischen Familien (insbesondere Männer) ihre Ehre, also ihren gesellschaftlichen Standpunkt und ihr Anrecht auf mutmaßlichen Stolz, über ihre Frauen definieren. Eben diesen Frauen wird somit jegliches Recht auf Selbstbestimmung genommen, ist dies doch die einzige Möglichkeit, sie zu kontrollieren. Die Ehrvorstellung, so die Sprecherinnen der Diskussionsrunde, entspreche somit einer patriarchalischen Ideologie. Sie sei es, die eine gesellschaftliche Weiterentwicklung und Integration sowie Emanzipation hemmt.

Fadile Yildirim, Aktivistin, Mitglied der kurdischen Partei DTP in der Türke i sowie Bürgermeisterin von Dersim beschreibt das Problem folgendermaßen:

„Die Ehre kontrolliert seit Tausenden von Jahren unsere Gefühle, unsere Denkweise, unserer Verhalten und somit unser Leben. Das Bestehen dieser Ehrvorstellung kann nicht beseitigt werden, wenn die gesellschaftliche Geschlechtlichkeit nicht überwunden wird…Deshalb ist es wichtig, die Freiheit und die Gleichheit der Geschlechter zu thematisieren. Wenn Frauen im Namen der Ehre umgebracht werden, ist nicht nur die Frau Opfer, der Mann wird als Mörder ebenso zum Opfer. Dies bedeutet, dass wir nicht nur die Frau, sondern auch den Mann von dem traditionellen Ehrverständnis befreien müssen.“

Weiterhin führt Yildirim auf, dass die einzige Möglichkeit der Befreiung darin bestehe, Aufklärung zu leisteten, denn nur so könne die traditionell bedingte Ungleichheit von Mann und Frau überwunden werden. Es sei deshalb Ziel gewesen, Themen zur Diskussion zu bringen, die von der kurdischen Gesellschaft normalerweise als Tabus betrachtet werden. Schließlich könnten dieserlei Probleme nur konstruktiv angegangen werden, indem man sie öffentlich mache. Yildirim kann bereits eine kleine Resonanz ziehen: Die kurdischen Frauen befänden sich nicht am Anfang ihres revolutionären Schaffens. Seit mehr als 30 Jahren kämpften sie gegen die Feudalität und gegen jegliche Art männlicher Ideologien. Es sei aber noch einen langen Weg zu beschreiten. Freiheit zu erlangen sei bekanntlich nicht einfach. Für Yildirim stehe momentan die Stärkung des femininen Selbstbewusstseins im Vordergrund. Deshalb sei es wichtig Frauengemeinschaften zu schaffen und zu fördern, mit dem Ziel das Bewusstsein der Frauen entschieden zu kräftigen.

Gemeinsame Auffassungen darzustellen und zu vergleichen, ist Yildirim zur Folge also ein erster Schritt Richtung Freiheit. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass der so entstandene Mehrwert an weiblichen Stimmen sicher auch ein Aufbegehren der Männer zur Folge hat. Yildirim weiß dies näher zu erläutern: „Dass Männer Frauen als ihre ‘Ehre’ ansehen ist ganz natürlich. In diesem Sinne ist es für viele Männer störend, dass wir über Ehre sprechen, in diesem Zusammenhang über die Herrschaft des Mannes diskutieren und eine klare Haltung einnehmen.“ Weiter berichtet Yildirim, dass sich heute aber stetig mehr kurdische Männer finden lassen, die ihren Frauen und Töchtern emanzipationstechnisch zur Seite stehen. So vernahm man von einigen Männern die Aussage: „Wenn Männlichkeit meint, seine Frau umbringen zu müssen, so wollen wir keine Männer sein!“

Die Sprecherinnen der Podiumsdiskussion wandten sich zuletzt auch noch einmal eindringlich an die Mütter im Publikum. Da diesen meist die Hauptlast der Erziehung aufliegt, hätten sie somit auch die Chance diese in einem hohen Maß selbst zu gestalten. Wenn deren Kinder und insbesondere Söhne also von klein auf ein säkulares Weltbild vermittelt wird, ihnen die Gleichheit von Mann und Frau peu a peu näher gebracht werden würde, sei eine wesentliche Bewusstseinsänderung der kommenden Generation durchaus möglich. So liege es auch in einem hohen Maß an der Frau selbst, dem aktuellen Ehrbewusstsein gegenzusteuern. Nötig hierfür sei lediglich ein gewisses Maß an Eigeninitiative.