„Wer seine Träume verwirklichen will, muss loslassen können“

Von Rebecca Schwab

Hatice Maloğlu aus Erlenbach am Main ist eine von 60.000 Türken in Deutschland, die ein Unternehmen gegründet haben. 1995 verwirklichte die Deutschtürkin ihren Traum vom eigenen Friseursalon. Was sie auf ihrem Weg dahin erlebt hat und wie es ihr heute geht, erzählte sie der Gazelle in einem Interview.

 

 

Stelle dich unseren Leserinnen doch bitte einmal vor.

Hatice Maloğlu: Ich bin 1968 am Schwarzen Meer in der Türkei geboren. 1970 gingen meine Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland. Da sie eigentlich wieder in die Türkei zurückkehren wollten, haben sie meinen Bruder und mich bei unseren Großeltern gelassen. Aber 1978 haben sie mich dann nachgeholt. Ich besuchte hier eine Hauptschule. Weil mein Deutsch sehr schlecht war, konnte ich nicht keine weiterführende Schule besuchen. Nach meinem Abschluss wechselte ich auf eine Eurosprachschule mit dem Fachzweig Friseurhandwerk. Dort habe ich einen sehr guten Abschluss gemacht und danach eine Lehrstelle als Friseurin bekommen. Mit 17 Jahren wurde ich leider verheiratet und kurz darauf auch schwanger, weshalb ich die Ausbildung abbrechen musste.

 

Kurz nach der Geburt ging ich wieder arbeiten.Wie hast du es geschafft, Kind und Beruf miteinander zu vereinbaren?

Maloğlu: Teilweise haben meine Eltern auf Ismael aufgepasst, oft hatte ich ihn aber auch auf der Arbeit dabei. Ich habe ihn in eine Rückentrage gesetzt und hatte so die Hände frei zum Frisieren.

 

Du sagtest vorhin „leider“ verheiratet. Verlief die Ehe nicht glücklich?

Maloğlu: Wir waren zu verschieden. Wir lebten in zwei unterschiedlichen Welten, hatten unterschiedliche Interessen und Ansichten. Für den Vater meines Sohnes stand die Frau an zweiter Stelle und er hat versucht mich zu unterdrücken. 1997 bin ich mit meinem Sohn von zu Hause weg gegangen, kurz darauf haben wir uns scheiden lassen.

 

Wie hat deine Familie auf die Trennung reagiert?

Maloğlu: Anfangs waren meine Eltern dagegen, als ich ihnen aber die Gründe erklärte, hatten sie Verständnis und nahmen meinen Sohn und mich bei sich auf. Ismael reagierte auf die Trennung seiner Eltern gut, meinte „Mama lass uns gehen“ und stand zu mir.

 

Was war dir bei der Erziehung deines Sohnes besonders wichtig?

Maloğlu: Er sollte emanzipiert aufwachsen, ich zog ihn sehr selbstständig auf. Er ging schon mit drei Jahren allein zum Bäcker und er half mir immer viel im Haushalt. Heute ist er 20 und lebt in einer eigenen Wohnung. Er putzt und wäscht seine Kleidung selbst. Außerdem war mir wichtig, dass er Frauen achtet und sie als gleichwertige Menschen betrachtet, so wie es auch im Koran geschrieben steht. Viele Menschen sind der Überzeugung, dass die Frau im Islam weniger wert ist als der Mann. Das ist aber nicht richtig. Im Koran steht geschrieben „der Mensch“ und nicht der Mann oder die Frau. Viele türkische Jungen wachsen als kleine „Paschas“ auf. Mir war wichtgig, dass es bei Ismael anders ist. Meine Eltern haben mich selbstständig erzogen und bei meinen Eltern hilft mein Vater auch im Haushalt. Auch in meiner jetzigen Ehe gibt es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Du hast noch einmal geheiratet?

Maloğlu: Ja, 2002 habe ich einen sehr lieben Moslem geheiratet. Wir leben nach dem Koran und führen eine sehr harmonische und emanzipierte Ehe. Bei uns zählt nicht „Frau“ oder „Mann“. Bei uns zählt der Mensch.

 

Ist es in der türkischen Kultur nicht verhöhnt, wenn sich eine Frau scheiden lässt und erneut heiratet?

Maloğlu: Unter Türken gibt es diese ungeschriebene Regel zwar, sie hat aber nichts mit dem Koran zu tun. Im Gegenteil: Im Koran steht geschrieben, dass man keine Seele verletzen darf und man darf sich auch nicht selbst wehtun. Zu unserem Propheten sind viele Frauen gekommen, die sich nicht mehr mit ihren Männern verstanden haben. Sie haben ihm dies erzählt und ihren Wunsch offen gelegt, sich aus der Ehe zu lösen. Der Prophet hat dem zugestimmt.

 

Dir gehört inzwischen ein sehr angesehener Friseursalon. Wie kam es zu der Selbstständigkeit?

Maloğlu: Nach meiner Meisterprüfung bin ich dem Rat einer sehr guten Freundin gefolgt. Mit 27 Jahren habe ich dies dann umgesetzt. Bei vielen Türken und Deutschen war ich nicht gut angesehen. Zum einen, weil ich eine so selbstständige Frau war, zum anderen, weil sie an mir zweifelten. Für sie war ich die „kleine Türkin“. „Mal sehen, sie wird bestimmt bald wieder schließen“, haben viele gedacht.

 

Denkst du, dass eine Existenzgründung in der Türkei auch möglich gewesen wäre?

Maloğlu: Vielleicht nicht vor 15 Jahren, aber heute wäre das kein Problem mehr. Die Menschen in der Türkei sind weltoffener geworden. Meine Cousinen leben sehr selbstständig. Unterdrückung gibt es überall auf der Erde. Wenn es darum geht, schiebt die Presse schiebt die Türkei gerne in den Vordergrund. Doch in Wahrheit sehe ich da heute keinen Unterschied mehr. Vor 15 Jahren waren die Zeiten anders. Eine Frau wurde zum Beispiel schon schief angeschaut, wenn sie allein Auto fuhr. Heute haben die Menschen in der Türkei mehr Freiheiten. Eine Existenzgründung wäre auch dort möglich gewesen, allerdings braucht man einen Menschen, der einem den Rücken stärkt. Ich bin deshalb sehr froh über meinen Mann, der mich bei der Arbeit unterstützt.

 

Du beschäftigst neben Angestellten auch regelmäßig Praktikanten?

Maloğlu: Praktikanten habe ich immer wieder. Bei der Auswahl entscheide ich mich oft für Jugendliche von Förderschulen oder auch solche, die keine Lehrstelle bekommen haben. Ich möchte sie stärken und ihnen Mut machen, damit sie wieder aufrechter und selbstbewusster durchs Leben gehen. Ich sehe sie als Menschen an und nicht nur als Mitarbeiter.

 

Was bedeutet Glaube für dich?

Maloğlu: Ich bin eine sehr gläubige Muslima. Ich lebe nach dem Koran und ich lese den Koran auch. Ich deute die Schriften und ich bete fünfmal am Tag. Glaube ist für mich sehr wichtig, er lässt einen nie in einen Zwiespalt kommen, weil er einem den richtigen Weg weist.

 

Nun hast du schon erzählt, dass der Koran keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht. Trotzdem ist es in vielen muslimischen Kulturen verbreitet, dass Männer kurze und Frauen lange Haare tragen müssen. Sogar von „Zwangsrasuren“ bei Männern war schon häufig die Rede.

Maloğlu: Hierbei handelt es sich meist um Sekten, vor denen man sich auch in Acht nehmen sollte. Unser Prophet hat als Mann auch lange Haare getragen. Unser Glaube macht keinen Unterschied, Männer dürfen lange und Frauen kurze Haare tragen. Einen gläubigen Menschen muss man an seinem Auftreten und seinem guten Benehmen, nicht an seinen Äußerlichkeiten erkennen. Der Koran macht auch keine Kleidervorschriften, wie es viele denken. Zwar steht geschrieben, dass sich die Frau bedeckt halten soll, wie weit sie dies ausübt ist aber ihr überlassen. Für mich käme es nicht in Frage, Schleier oder Handschuhen zu tragen. Ich akzeptiere aber jede Frau, die dies tut und ich achte auch darauf, dass ich nicht zu viel zeige.

 

Es gibt auch Diskussionen darüber, ob Muslime richtig handeln, wenn sie sich die Haare einfärben oder Männer die Gesichtshaare entfernen.

Maloğlu: Unsere Kultur ist sehr sauber und achtet sehr auf Körperpflege. Wenn ein Mann eine besonders starke Gesichtsbehaarung hat, darf er diese entfernen. Er muss sich den Bart nicht lang wachsen lassen, um seinen Glauben zu zeigen. Bei uns gilt der Bart aber als Zeichen der Männlichkeit, weshalb viele Muslime ihn tragen. Haarfarbe ist durchaus erlaubt. Die Unsicherheit darüber kommt durch den Irrglauben, dass Farbe das Haar verschließt und kein Wasser an die Haare lässt. Das sei dann unsauber, dies entspricht aber nicht der Wahrheit. Was wir unterlassen sollen ist beispielsweise das Lackieren der Fingernägel, weil der Lack oder auch der Nagellackentferner der Nagelhaut schaden kann. Alles, was unserem Körper schadet, sollen wir nicht tun.

 

Was machst du in deiner Freizeit, wenn du gerade nicht arbeitest?

Maloğlu: Ich bin ein aktives Mitglied in einer Frauenorganisation. Es handelt sich hierbei um Muslimas aus verschiedenen Kulturen. Es sind Türkinnen, Deutsche, Amerikanerinnen und auch eine Italienerin. Wir organisieren Veranstaltungen, kochen gemeinsam, besuchen kranke Menschen im Krankenhaus und in Pflegeheimen. Auch die dritte Welt unterstützen wir mit Spenden. In Krankenhäusern und Kindergärten schneide ich den Menschen ehrenamtlich die Haare.

 

Möchtest du irgendwann zurück in die Türkei oder ist Deutschland inzwischen auch ein Stück Heimat für dich?

Maloğlu: Mein Mann und ich haben Eigentum in der Türkei und dadurch jederzeit die Möglichkeit zurückzukehren. Ob wir irgendwann wieder in der Türkei leben werden, wissen wir noch nicht. Wahrscheinlicher ist es, dass wir im Alter zwischen der Türkei und Deutschland pendeln werden.

 

Wenn eine kleine Fee auf deiner Schulter sitzen würde, was würdest du dir von ihr wünschen?

Maloğlu: Dass es keinen Krieg mehr gibt. Alle Menschen sollen sich respektieren und achten. Gegen die großen Mächte kommen wir leider nicht an, doch auch wenn es nur ein kleiner Tropfen ist, kann jeder etwas für ein gutes Miteinander tun. Wir sollten versuchen den anderen zu verstehen: „Liebe mich nicht, verstehe mich“. Nach dem Motto sollten die Menschen leben. Leider erlebt man oft das Gegenteil. Die Menschen gehen mit ausgestreckten Ellenbogen durch die Welt und versuchen andere Menschen zu verletzen, ihnen zu schaden.

 

Möchtest du unseren Leserinnen noch etwas mit auf den Weg geben?

Maloğlu: Versuche nicht die Menschen zu verändern. Ändere dich und die ganze Welt wird sich verändern. Liebe dich, erst dann kannst du deinen Nächsten lieben. Verwirkliche deine Träume, indem du loslässt. Halte an nichts fest und versuche nichts zu erzwingen.