Dunja Hayali: „Der Blick muss sich ein bisschen öffnen“

Dunja Hayali /ZDF

Dunja Hayali /ZDF

Von Sahar Sarreshtehdari

Dunja Hayali ist die erste Nachrichtenmoderatorin mit Migrationshintergrund. Ihre Eltern stammen aus dem Irak, Hayali selber wuchs in Datteln auf. Über ihre Arbeit als Moderatorin, die Diskussion über Menschen mit Migrationshintergrund und wie sie sich, als ehemalige Sportstudentin, fit hält, sprach die 34-Jährige mit Gazelle.

 

Sie sind die erste deutsche Journalistin mit so genanntem Migrationshintergrund, die 2007 die Moderation der heute-Nachrichten übernommen hat. Wie kam es dazu?

Dunja Hayali: Ich habe zuvor bei der Deutschen Welle moderiert, dann habe ich Januar 2006 angefangen in der Nachtschiene zu moderieren, das ist so ein bisschen die Nachwuchsschiene. Ein halbes Jahr später gab es den ersten Kontakt zum ZDF. Irgendjemand scheint diese Sendung dann mal gesehen zu haben und so kam der Kontakt zu stande. Wenn man so will, dann war es wohl Zufall oder Glück.

 

Wie fühlt sich das für Sie an?

Das ist natürlich fantastisch, wenn man seinen Traumberuf ausüben kann und wenn man das an so einer prominenten Stelle machen kann, umso besser. Umso mehr Leute man erreicht, das ist ja auch Sinn und Zweck, umso schöner ist das natürlich.

 

Wie gehen Kollegen aus der Branche damit um?

Für die, die mich kannten, war das etwas absurd, denn meine Freunde und Arbeitskollegen haben mich nie als einen Menschen mit Migrationshintergrund betrachtet, sondern einfach als einen Menschen. Dabei spielte meine Herkunft keine Rolle. Als der Wechsel zum ZDF perfekt war, war es eher die Medienwelt, die darauf angesprungen ist und die das ganz spannend und interessant fand.

 

Wie gehen Sie damit um, immer wieder mit Ihrem Migrationshintergrund konfrontiert zu werden?

Ich habe damit überhaupt kein Problem. Nur will man damit natürlich nicht einzig und allein identifiziert oder charakterisiert werden. Das ist meine Herkunft, darauf bin ich stolz, aber ich glaube, um so einen Job auszuüben, bedarf es dann doch noch der ein oder anderen Eigenschaft, die man haben muss.

 

Fühlen Sie sich manchmal genau darauf reduziert?

Am Anfang war das sicherlich so, aber mittlerweile überhaupt nicht mehr. Das gehört zu meinem Leben dazu, das ist auch in Ordnung. Aber es geht mittlerweile auch um viele andere Themen und nicht nur den Migrationshintergrund. Was spannend ist, keine Frage, aber das alleine ist nicht Ausschlag gebend gewesen, diesen Job zu bekommen.

 

Wie waren die Reaktionen von Seiten der Zuschauer?

Der Großteil der Post, die ich bekomme oder auch bekommen habe, ist sehr sehr sehr positiv und sehr freundlich. Es gab nur zwei, drei Aussetzer, die darf man aber auch nicht zu ernst nehmen.


Vor wenigen Monaten wurde der Verein NEUE DEUTSCHE MEDIENMACHER in Berlin gegründet, die unter anderem mehr Journalisten mit Migrationshintergrund in den deutschen Redaktionen fordern. Wie erklären Sie sich, dass nur 5% der Redaktionen mit Journalisten mit Migrationshintergrund besetzt sind?

Dafür gibt es keine sinnvolle Erklärung. Ich denke mir aber, dass wir jetzt in einer Zeit angekommen sind, in der es einen Wandel und auch einen Umbruch geben wird, und dass sich das sicherlich in den nächsten Jahren verändern wird.

Wenn ich mich hier umschaue, dann ist es so, dass in unserer Redaktion, in der „heute“ und im „journal“, einige Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Die sieht man halt nicht unbedingt präsent vor der Kamera. Aber die Redaktion ist schon ganz gut durchwachsen.

 

Glauben Sie, man müsste schon bei der Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund etwas ändern, damit mehr in solchen Positionen vertreten sind?

Ja schon, aber das Ganze ist natürlich keine Einbahnstraße. Es sind natürlich beide Seiten gefordert. Man muss der deutschen Sprache mächtig sein und auch die gewissen Qualifikationen haben. Einzig und allein sich darauf auszuruhen „Ich habe einen Migrationshintergrund und es wird schon laufen“, das wär ein bisschen einfach. Aber sicherlich müssen auch von der Gegenseite die Strukturen geändert werden. Der Blick muss sich ein bisschen öffnen. Aber das passiert, ich kann das nur vom ZDF sagen, dass hier einiges im Gange ist.

 

Sie waren von 1995-1999 auf der Deutschen Sporthochschule in Köln und wurden danach Sportreporterin. Ihr Kindheitstraum?

Absolut, schon immer. Richtig gefestigt hat sich das mit 13 oder 14, da war das sehr klar. Das war der einzige Weg den ich einschlagen wollte, und glücklicherweise hat das auch funktioniert. Ich war immer schon sportbegeistert und wollte immer Sportreporter werden.

 

Würden Sie heute gerne wieder Nachrichten über Sport machen oder gar die Sportshow moderieren wollen?

Das erste Problem ist, dass die Sportshow der falsche Sender ist und außerdem fühle ich mich im Moment sehr wohl in den Bereichen, in denen ich tätig sein kann. Ich würde es aber nicht ausschließen. Ich bin ja noch jung, aber im Moment ist der Platz, an dem ich mich befinde, genau der richtige.

 

Seit ein paar Jahren sind Menschen wie Sie und ich, Deutsche mit Migrationshintergrund und keine Ausländer mehr. Was denken Sie eigentlich über diesen Begriff „Migrationshintergrund“?

Ich bin, glaube ich, schon gefühlte 3000 Mal gefragt worden, ob mir kein besserer Begriff einfällt – nein, leider immer noch nicht. Man versucht natürlich immer alles zu kategorisieren und in Schubladen zu stecken und alles muss einen Titel haben und wahrscheinlich hat sich dann irgendjemand überlegt, „Menschen mit  Migrationshintergrund“ wäre das treffendste.

Meine Freunde sagen immer, ich habe „Migrationsvordergrund“. Meine Wurzeln liegen da, wo meine Eltern herkommen, auch wenn ich da nicht geboren bin und das ist nunmal der Irak. Großgeworden und geboren bin ich in Deutschland.

Ich will das gar nicht so überbewerten, diesen Begriff. Er beschreibt einen vermeintlichen „Ist-Zustand“. Vielleicht fällt jemandem mal ein, etwas anderes zu finden, etwas besseres.

 

Was verbindet Sie mit der Heimat Ihrer Eltern?

Vor allem verbindet mich mit dem Irak, dass meine Familie da noch lebt und dass ich die Kultur sehr schätze. Ich kann mich nur an schöne und faszinierende Besuche erinnern.

 

Sprechen Sie eigentlich Arabisch?

Ja, aber schlecht, leider.

 

Gibt es einen großen Unterschied zwischen der irakischen und der deutschen Kultur?

Ich kann ja nur aus meiner eigenen, persönlichen Erfahrung sprechen und ich will nicht alle Deutschen über einen Kamm scheren, sowie man nicht alle Iraker über einen Kamm scheren kann. Ich bin in dem Haus meiner Eltern groß geworden und da stand die Gastfreundlichkeit und die Offenheit immer an allererster Stelle. Wobei es mit Sicherheit auch zahlreiche deutsche Familien gibt, bei denen das genauso ist. Aber trotzdem würde ich sagen, dass das schon ein Merkmal der arabischen Kultur ist, zumindest hab ich das auch im Irak immer wieder erlebt. Selbst bei Fremden, bei denen wir vor der Tür standen, die uns aus diversen Gründen zum Essen eingeladen haben und zum Tee. Ich glaube, dass einem das in Deutschland eher selten passiert. Ich will nicht ausschließen, dass es passiert, aber sicherlich eher seltener.

 

Gibt es etwas, dass Sie ganz stark an den Irak erinnert?

Der Geruch. Vor allem wenn man durch die Altstadt von Bagdad läuft oder auf den ganzen Märkten rumspaziert und überall die Stände draußen sind, mit den Gewürzen und den Nüssen und dem Obst. Das ist, was ich immer in meinem Kopf habe.

 

Wann waren Sie das letzte Mal im Irak?

Vor neun Jahren. Ich vermisse den Irak und will auch unbedingt wieder hin, aber das geht zur Zeit nicht. Dafür ist die politische Situation einfach nicht gegeben.

 


Wie geht es Ihnen, wenn Sie als Nachrichtenmoderatorin Berichte über den Irak vorlesen müssen?

Man lernt mit dieser Situation umzugehen. Am Anfang war das sicherlich nicht ganz so leicht, da waren die Zeiten aber auch noch anders, da waren ja tagtäglich Anschläge und es herrschte Krieg. Da macht man sich natürlich Gedanken, was mit der eigenen Familie ist und ruft nach den Sendungen auch an und schaut, ob alles in Ordnung ist. Mittlerweile hat sich zum einem die Sitaution im Irak entschärft und zum anderen ist es auch eine Frage der Professionalität, damit umzugehen. Und das hab ich relativ schnell gelernt, glücklicherweise, denn sonst kann man diesen Job auch nicht vernünftig ausüben.

 

Die wenigsten wissen, dass Sie zwar arabischen Ursprungs sind, aber
eigentlich Christin sind. Was fällt Ihnen hierbei am meisten auf, wenn ihr
Gegenüber dieses Detail erfährt?

Die meisten sind eher erstmal verwundert, weil sie nicht wissen, dass im Irak auch Christen leben. Und dann hat es sich aber auch wieder erledigt.

 

Reagieren Muslime und Nichtmuslime unterschiedlich darauf?

Die Muslime wissen es meistens, die kennen sich eher in der Region aus und sind dann überhaupt nicht verwundert. Ich wohne ja in Berlin-Kreuzberg wo auch viele Türken wohnen, da ist das dann mal kurz Thema. Aber das ist kein Kriterium, das darüber entscheidet, ob man sich jetzt mag oder nicht oder sich weiterhin unterhält oder nicht. Das wird registriert und dann ist auch gut.

 

Sie leben in Berlin. Gibt es etwas, was Ihnen in Datteln, Ihrer alten Heimat,
besonders fehlt?

Wenn ich in Berlin bin, dann vermisse ich natürlich meine Familie, meine Schwester und meine Nichten – einfach das zusammen sein mit der Familie. Aber da ich in Berlin wahnsinnig gute Freunde gefunden habe und Freunde für mich auch so eine Art Familie sind, fühle ich mich auch in Berlin sehr wohl. Ansonsten vermisse ich immer das Meer, egal wo ich bin.

 

Wie Anne Will gaben Sie letztes Jahr bekannt, dass Sie lesbisch sind. Warum
haben Sie öffentlich darüber gesprochen?

Ich habe es nicht bekannt gegeben und ich habe darüber gesprochen, weil ich gefragt worden bin. Es war kein Outing und kein Coming-Out und keine überlegte Geschichte. Wir waren auf einem Konzert und ein Fotograf hatte seine Augen geöffnet. Er hat uns da stehen sehen und hat uns gefragt. So kam das. Wir waren auch auf anderen Veranstaltungen und scheinbar haben es die Leute da nicht gesehen oder nicht mitbekommen. Ich renne nicht mit einem Schild durch die Gegend und kläre die Leute über mein Privatleben auf. Das würde ich auch nicht tun, wenn ich mit einem Mann zusammen wäre.


Für viele Eltern ist ein Outing der eigenen Tochter oder Sohn noch nicht selbstverständlich. Wussten Ihre Eltern von Ihrer Homosexualität? Wie gehen Sie heute damit um?

Ja, meine Eltern wussten von meiner Homosexualität. Als mein Vater die Schlagzeile in der Bildzeitung gelesen hat, rief er mich an sagte: „Meine Güte, es ist doch 2008. Die Zeiten haben sich doch geändert, es ist in Deutschland nicht mehr wie vor 50 Jahren.“ Ich denke, meine Eltern gehen ganz gut damit um.

 

Der Frühling ist da und mehr Leute lockt es zum Sport machen nach Draußen. Halten Sie sich jeden Tag mit Sport fit ?

Nein, leider nicht. Der Sommer kommt, die Figur muss wieder etwas in Form gebracht werden und ich habe mir fest vorgenommen, jeden zweiten Tag laufen zu gehen. Tut mir, meinem Kopf und vor allem meinem Hund gut.

 

Haben Sie für unsere LeserInnen zum Schluss noch einen Tipp, wie man öfter von der Couch kommt?

Ich belohne mich immer hinter her. Ich koche mir beispielsweise etwas leckeres, aber ohne einer dicken Sahnesoße. Ich quäle mich auch, ich gehe nicht gerne joggen, ich übertreibe es aber auch nicht. Ich gehe dann 20 bis 30 Minuten und wenn man es dann getan hat, fühlt man sich wahnsinnig gut. Das ist ja eh die beste Belohnung.