Die Islamische Fachschule – ein Modell für die Zukunft?

Pilgrim-Zertifikate 2008 / Johann Hisch

Verleihung der Pilgrim-Zertifikate 2008 / Johann Hisch

Von Sunya Baaroun

Die islamische Fachschule für Soziale Bildung (IFS) in Österreich dient seit 2002 in erster Linie als berufliche Orientierungseinrichtung. Doch ist dies nicht alles. Möglichkeiten zur individuellen Persönlichkeitsentfaltung, Kulturreflexion, sowie ein kritisches Know-How in Sachen Lebensgestaltung und Religionsverständnis stehen ebenso auf dem Stundenplan. Gazelle sprach mit Zeynep Elibol, Direktorin der IFS, über Zielsetzungen, Vorurteile und pädagogische Konzepte.

 

Die Islamische Fachschule für Soziale Bildung ist ein Projekt der Islamischen Religionsgemeinde Österreichs. Welche Ambitionen lagen der Gründung der IFS zu Grunde?

Elibol: Wir haben beobachtet, dass viele Mädchen nach der 8. und 9. Schulstufe keine weiterbildende Schule besuchen, da sie die Aufnahmeprüfungen nicht schaffen. Oder weil die Eltern dies nicht für notwendig halten, da sie ihre Töchter schnell unter die Haube bringen wollen. Unsere Schule setzt hier eine interessante Alternative. Wir möchten unsere Schüler auch für Pflegeberufe motivieren, da es sicher in Zukunft ein Bedarf an Pflegepersonal mit interkulturellen Kompetenzen geben wird. Neben der Weiterbildung, möchten wir das Selbstbewusstsein der SchülerInnen steigern, ihre Deutschkenntnisse verbessern und sie als mündige Bürgerinnen und Bürger auf die Berufswelt und Gesellschaft vorbereiten.

Und was versprechen sich Eltern und Schüler selbst von dieser Idee?

Die Eltern versprechen sich ein Weiterkommen ihrer Kinder. Das mag jetzt paradox klingen, aber die Eltern verlieren einfach in der Mittelschule die Hoffnung auf Erfolg und denken automatisch ans Verheiraten. Andere möchten, dass ihre Kinder noch das 9. Pflichtschuljahr bei uns absolvieren und dann arbeiten. Wenn diese aber im 9. Jahr bei uns erfolgreich sind, dann überzeugen wir nicht selten die Schullaufbahn vorzuführen. Wir reden viel mit den Eltern.

Eltern und SchülerInnen wünschen sich auch mehr Information über ihre Religion. Wir geben ihnen diese Möglichkeit, durch zusätzliche Fächer wie Quranrezitation, Arabisch und Quranexegese, sowie auch in  islamischen Künsten und  spiritueller Musik.

 

Des Öfteren behaupten Stimmen, dass diese Art von Schulform das traditionelle Frauenbild der Arabischen Welt und im speziellen die Kluft zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht festigt, ja sogar fördert. Wie viel  Realität steckt hinter solchen Aussagen?

Es hängt immer von den Rahmenbedingungen ab. Unter bestimmten Umständen mag das stimmen, nicht aber in dieser Gesellschaft und deren Bedingungen. Wir arbeiten sehr stark an diesem Klischee und bringen einen großen Beitrag zu einem gendergerechten und genderdemokratischen Verhältnis zwischen Frau und Mann. Wir hinterfragen typische Rollenbilder und sehen die Gleichwertigkeit als selbstverständlich. Somit lernen auch die Burschen an der Schule, dass z.B. Arbeit kein Geschlecht hat und der Islam nicht frauenfeindlich ist. Weiterhin erfahren sie, wie Religion missbraucht werden kann oder wie bestimmend sich gesellschaftliche Regeln auswirken. Zwangsheirat, Gewalt, Ehrenmorde, Chancengleichheit und Mündigkeit stehen also an der Tagesordnung.

 

Die Bildungspolitik widmet sich heute mehr und mehr dem kulturellen Miteinander. Integration und Migrantenförderung wird immer größer geschrieben. Ist es da produktiv, einen Teil der jungen Muslime unserer Zeit absichtlich nur unter ihres Gleichen zu belassen?

Auch wenn sie sich in gemischter Gesellschaft befinden, heißt das nicht, dass sie wirklich gemischt sind. Sie kapseln sich ab und es herrscht dann wieder ein Nebeneinander. Dabei trauen sie sich nicht viel zu, können schwer über ihre Familienprobleme reden und teilen sich nicht wirklich mit. An unserer Schule haben sie die Möglichkeit, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, aber auch vieles über andere Kulturen und Religionen zu erfahren. Dies geschieht vor allem in der direkten Begegnung in vielen Projekten, die wir anbieten.

 

Was wünschen Sie sich ganz speziell für die Zukunft und vor allem für ihre Schüler?

Ich wünsche mir eine große Schule, in der wir uns entfalten können, in der viel Kreatives geleistet werden kann. Ich wünsche mir, dass die SchülerInnen ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstwertgefühl, welches sie bei uns entwickeln, nie verlieren, sich als mündige Muslime in der Gesellschaft partizipieren und sich für ein friedliches Miteinander einsetzen.