Heile kaputte Welt – eine Reise in den Irak

Irak aus der FerneVon Nohma El- Hajj

Es liegt nun drei Monate zurück, dass die 24jährige Chemiestudentin Ruaa wieder in Deutschland ist. Sie reiste für drei Wochen in den Irak, um Familie und Bekannte nach 20 Jahren wieder zu sehen und ein Land kennen zu lernen, dass den Keim endloser Gewalt, aber auch das Potential des Friedens in sich trägt. Unsere Autorin erzählt ihre Geschichte.

Nach langem Zweifel hatte Ruaa sich im Oktober überreden lassen, mit ihrer Familie in den Irak zu fliegen. Seit ihrem vierten Lebensjahr hatte sie den Irak nicht mehr gesehen. Viele Jahre blieb es ein fremdes Land für sie. Als sie ihren Freunden von der Reise erzählte, waren alle sehr besorgt. Selbst Ruaa hatte Bedenken, denn für sie war und ist der Irak ein Ort der Kriege. Aber Neugier und Sehnsucht überwiegten schließlich doch.

Diese nächtliche Ruhe hätte sie nie erwartet

Die Reise führte in die syrische Hauptstadt Damaskus, von dort aus fuhr sie ein Iraker mit seinem GMC innerhalb von 12 Stunden über die Wüste in den Irak. In der Nacht erreichten sie Falludscha. Ruaa war überrascht über das luxuriöse Haus ihres Cousins. Selbst für westliche Verhältnisse ist es sehr nobel. Ihr Cousin empfahl Ruaa auf das flache Dach des Hauses zu steigen, um einen Blick auf die Stadt zu werfen. Sie kletterte hinauf und sah bunte Moscheen, hörte den Gebetsruf und war gerührt von dieser friedlichen Ruhe, die sie so nicht erwartet hatte. Erst der nächste Morgen verriet die tragische Geschichte dieses Landes:  Bombardierte Häuser, die provisorisch und mit viel Einfallsreichtum in Stand gehalten werden, zerstörte Straßen und vom Krieg gezeichnete Gotteshäuser.

Sie fuhren in das Dorf ihres Vaters „Al-Saklauia“, in dem der Großteil der Familie lebt. Ruaa denkt mit einem Schmunzeln an dieses Treffen zurück: „Alle küssten und umarmten uns, ohne dass ich wusste, mit wem ich es eigentlich zu tun hatte. Es waren um die dreißig Leute.“ Ruaa ließ sich in ein Zimmer für die Frauen führen, während die Männer in einem anderen Raum unter sich blieben. Auf dem Land herrschen andere Sitten als in Großstädten wie Falludscha. „Ich als Muslimin, die in Europa aufgewachsen ist, habe natürlich gezielt auf die Rolle der Frau geschaut.“

 

Der Ehemann ist offenbar die einzige Sicherheit

Wenige Tage verbrachte sie in dem Dorf. „Die Frauen haben definitiv eine komplett andere Stellung.“ Die meisten Frauen in Ruaas Alter sind bereits verheiratet und haben Kinder und sind ständig mit der Hausarbeit beschäftigt. Die einzige Sicherheit in einem Land wie der Irak scheint ein Ehemann zu bieten, der Frau und Kinder ernähren kann. Ruaa verbrachte die meiste Zeit mit jüngeren Mädchen, die noch unbeschwert in den Tag hinein leben.  Aber es gibt auch Mädchen wie die 20jährige Tochter ihres Cousins: Sie studiert Physik und ist noch nicht verheiratet. Ihr Vater unterstützt sie und lehnt Heiratsanträge ab, wenn die Tochter nicht einverstanden ist.  Er selbst hat einen Uni-Abschluss, aber kann nicht in seinem Beruf arbeiten. Viele Akademiker dort arbeiten als Taxifahrer oder Verkäufer.

Trotz der ungemeinen Herzlichkeit ihrer Verwandtschaft war Ruaa sehr froh darüber, bald wieder gehen zu dürfen: „Es gibt überhaupt keine Privatsphäre wie wir sie kennen. Man kann sich nicht zurückziehen, um für sich alleine zu sein. Die Menschen dort scheinen auch nicht danach zu verlangen, aber ich brauchte es dringend.“

 

Lasche Sicherheitskontrollen

Das nächste Ziel war die Hauptstadt. Um nach Bagdad zu kommen, mussten sie sich Sicherheitsvorkehrungen unterziehen, weil eine Autobahnbrücke in der Nacht zuvor von Terroristen gesprengt worden war. Mehrfach wurden sie auf der Autobahn von irakischen Beamten kontrolliert. Ruaa war verdutzt über die laschen Kontrollmethoden der Sicherheitsleute. Nicht immer wurde der Kofferraum geöffnet. Und wenn es schließlich doch dazu kam, dann wurden die Taschen kurz in die Hand genommen, aber nicht weiter durchsucht.

In Bagdad mussten Ruaas Vater und Bruder ihre Pässe abgeben, um überhaupt Zugang in die Stadt zu erhalten. Ruaa sah der Metropole ihre einstige Schönheit und ihr Prestige an, auch wenn sie jetzt ein anderes Gesicht hatte. Der frühere Stolz der Stadt hatte einen tiefen Knick erlitten. Trotzdem war Ruaa fasziniert von den vielen Baudenkmälern, den vielen Bücherläden und den Universitäten. In den unzähligen Parks sah sie verliebte Pärchen, die Händchen haltend spazieren gingen, Frauen mit freizügigem Kleidungsstil, die sogar selbst Auto fuhren.

 

Die Mauer der Amerikaner zerstört das Stadtbild

Doch das Gesamtbild wird von den meterhohen Mauern getrübt, die sich durch ganz Bagdad ziehen. Es sind etwa drei Meter hohe Betonklötze, die von den Amerikanern während des Krieges gebaut wurden, um die einzelnen Stadtteile zu isolieren und auf diese Weise Bagdad besser kontrollieren zu können. Es wirkt wie eine immerwährende Erinnerung an den Krieg, von dem Ruaa nicht genau sagen kann, ob er für sie Sieg oder Niederlage bedeutet, schließlich gab es während ihrer kurzen Anwesenheit im Irak vier Anschläge, die selbst in den arabischen Medien nicht mehr unbedingt an erster Stelle der Nachrichtensendungen genannt wurden.

Während sie durch die Straßen Bagdads zog, konnte Ruaa sich kaum vorstellen, dass diese Menschen bereits drei Kriege hinter sich haben. „Wenn ich mit meinen Verwandten über den Krieg reden wollte, erzählten sie ohne Emotionen darauf los, sie redeten sogar gerne davon. Aber vielleicht sind sie es einfach nur gewohnt“.

 

“Wir sollten uns hüten, voreilig zu urteilen”

Für Ruaa selbst wirkt das Erlebte oft nicht real. Die Wirklichkeit legt ein ehrliches Zeugnis ab von einem Land, das noch frisch aus dem Krieg kommt, vieles riecht nach Anfang, nach Ansätzen. Für Ruaa ist dies dennoch so fern, während ihrer Reise kam sie sich manchmal vor, als würde sie einen Dokumentationsfilm sehen, nur schwer konnte sie Fuß in dieser Realität fassen. „Ich denke, dass wir Europäer zwar eine Menge über den Irak und seine Geschichte erzählen können, doch wir werden die Leute niemals verstehen, weil uns ihre Erfahrung fehlt und deshalb sollten wir uns davor hüten zu urteilen, egal wie abgedreht uns einige Dinge vorkommen“, ist Ruaa überzeugt.

Der Abschied von ihrer Familie fiel ihr sehr schwer, aber sie ist glücklich endlich wieder in Deutschland zu sein, in ihrer Realität. Hier darf sie in ihrem eigenen Zimmer sitzen und in Ruhe in ihren Büchern stöbern. Und in dieser Stille schweifen ihre Gedanken gerne in ein Land, in dem  Ausnahme und Normalität so nah bei einander liegen.